Europa ist in. Deutschland hat für kurze Zeit die Führungsrolle, Polen mauert, die Verfassung kann vielleicht gerettet werden, Abstimmung mit Quadratwurzel oder ohne. Europa bietet wieder Stoff für Diskussionen. Und ist dabei scheinbar so trendy, dass man damit auch Sachbücher besser verkaufen kann. Anders lässt sich die Titelwahl des vorliegenden Buches nicht erklären. Auch die in den einzelnen Beiträgen gemachten - mehr oder weniger geglückten - Versuche, das eigene Thema unter den gemeinsamen Hut Europa" zu zwängen liefern dafür keine Begründung.
Sieht man von diesem kleinen Wermutstropfen ab kann man das vorliegende Buch im Großen und Ganzen jedoch als ein sehr gelungenes Projekt betrachten. Auf knapp 300 Seiten wird dem Leser anhand von 22 Biographien eine Zeit vorgestellt, die für viele immer noch nur ein Dazwischen darstellt. Das der Zeitraum zwischen klassischer Antike" und Hohem Mittelalter vom 4. bis zum 9. Jahrhundert aber durchaus ein genaueres Hinsehen lohnt verdeutlichen die geschilderten Leben in diesem Buch. Die Auswahl der vorgestellten Personen ist wie in solchen Sammelbiographien üblich subjektiv und kann kritisiert werden. Dennoch ist es den Herausgebern in den meisten Fällen gelungen, genau die Personen zu beleuchten die exemplarisch für einen Abschnitt der ausgehenden Antike oder des beginnenden Mittelalters steht oder Entwicklungen in besonderem Maße mit beeinflusst hat.
Am Anfang des Buches stehen Männer im Vordergrund, deren Handeln noch um Rom als zentralen Ort kreiste. Vorgestellt werden deren Herrscher aber auch Vertreter der Peripherie die im Laufe der Zeit immer mehr Einfluss auf das Zentrum ausübten. So werden die Biographien Konstantins und Theodosius ebenso beleuchtet wie die Alarichs, Geiserichs und Attilas.
Im weiteren Verlauf wird die Verschiebung des Machtzentrums innerhalb des geschilderten Zeitraums in den Osten auch anhand der betrachteten Personen deutlich gemacht. Die in Byzanz herrschenden Kaiser Justinian, Herakleios und Leon III. werden ebenso thematisiert wie der Prophet Muhammad, der Sasanidenherrscher Chusro I. und der Kalif Harun ar-Rasid. Trotz der hier besonders deutlichen geografischen und zeitlichen Entfernungen gelingt es auch im zweiten Teil des Buches den meisten Autoren, die von ihnen geschilderten Leben in eine Beziehung zueinander zu setzen. Besonders diese immer wieder geschilderten Berührungspunkte und Zusammenhänge zwischen den einzelnen Protagonisten machen das Buch zu einer abwechslungsreichen und spannenden Einführung in die geschilderte Epoche.
Dass das stellenweise auch erzählerisch sehr hohe Niveau nicht durchgängig beibehalten werden kann, ist bei einem solchen Buch, das sich aus einer Vielzahl von Arbeiten speist wohl leider nicht zu verhindern. Die wenigen Ausnahmen sind jedoch so selten, dass sie den positiven Gesamteindruck des Buches nicht nachhaltig gefährden können. Bei den Artikeln über Hengist und Horsa, zwei mythischen Figuren der frühen englischen Geschichte, und Eurich und die Reichsbildung der Westgoten in Spanien bleibt lediglich die Frage: Warum schildert man hier ausnahmsweise einmal Nichtwissen und das auf dem Niveau einer Proseminararbeit?
Insgesamt bietet das Buch anhand von Biographien einen hervorragenden Einstieg in eine Zeit die allzu oft als dazwischen liegend betrachtet wird und macht Lust auf einen tiefer gehende Beschäftigung mit dieser Zeit und ihren Vertretern. Der C.H.Beck-Verlag schließt mit diesem Buch auf gewohnt hohem Niveau eine bislang klaffende zeitliche Lücke in seinem biographischen Programm.