Der Kinofilm 'Der Baader Meinhof Komplex' hat erneut eine Diskussion um die sich selbst 'Rote Armee Fraktion/RAF' nennende terroristische Vereinigung angefacht, die vor etwa dreißig Jahren ihr Unwesen getrieben hat. Ein Beamter des Bundeskriminalamtes (BKA) hat viele RAF-Mitglieder so nahe erlebt und so persönlich kennen gelernt, wie wohl kein zweiter Mensch: Alfred Klaus. Ulrike Meinhof erfand für ihn die Bezeichnung 'Familienbulle', der am Sprachgebrauch der Terroristen gemessen fast Zärtlichkeit zum Ausdruck bringt, auf jeden Fall die psychische Intimität belegt, die zwischen ihr, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und vielen anderen ihrer Kumpane und dem geschickten Polizisten bestand. Der BKA-Sonderermittler Alfred Klaus hat erst jetzt seine Erfahrungen mit der RAF veröffentlicht: 'Sie nannten mich Familienbulle'. Leider hat er sein Buch nicht vor seinem Tod in den Händen halten können, das er mit der Publizistin Gabriele Droste beendet hat, die ihn schon als kleines Mädchen kannte.
Die Offenbarungen von Klaus werfen ein neues Licht auf die Ereignisse vor drei Jahrzehnten und geben Anlass, nachzuforschen. Der BKA-Beamte räumt auf mit einigen Mythen, die um die RAF gebildet wurden. Er kam schon früher zu dem Schluss, dass bereits zu Beginn der Terrorakte eine politische Motivation nur vorgeschoben worden war. Diesen Schluss zieht er nicht aus eigener Ansicht, sondern belegt das durch bislang nicht bekannte Aussagen eines RAF-Mitglieds, Beate Sturm: Baader habe 'Kriminalität zur Politik gemacht' und politische Ansätze anderer RAF-Mitglieder rasch 'auf sein Niveau' heruntergezogen. Klaus zitiert eine Aussage des RAF-Mitglieds Sturm ihm gegenüber: 'Es war seine Idee, dass eine kriminelle Tat an sich schon eine politische Tat ist.' Andere Mitglieder, so Klaus, hätten ihm gegenüber zugegeben, dass sie anfangs 'der materielle Vorteil' gelockt habe, bei der RAF mitzumachen.
Der Sonderermittler offenbart kurz vor seinem Tod auch Vorgänge, die seitens des Staates bislang streng geheim gehalten worden sind. Zum Beispiel gibt er bekannt, dass während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der sofort nach Bekanntwerden des Verbrechens vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt für die Staatsraison kalt geopfert werden sollte von dem intimen Kenner der RAF-Führer ein Gegenvorschlag ausgearbeitet worden war. Danach sollten die in Stammheim gefangenen Terroristen als Tauschobjekte in die Verhandlungen mit den Entführern Schleyers einbezogen werden, insbesondere Baader, Ensslin und Raspe. Klaus wusste durch persönlich Kontakte, dass den Betreffenden mehr an ihrem eigenen Wohlergehen als an Politik lag. Sein detailliert weitergeführter Vorschlag sei aber überhaupt nicht auch nur gelesen worden, so Klaus. Der BKA-Sonderermittler war bis zu seinem Tod fest davon überzeugt, dass Baader, Ensslin und Raspe nach einer Freilassung im Austausch mit dem entführten Schleyer nie nach Deutschland zurückgekehrt wären oder sich an neuen Terrorakten beteiligt hätten. Er konnte es nie verstehen, warum der Staat dennoch den Arbeitgeberpräsidenten 'geopfert' hatte. Es erschien ihm 'makaber', dass Bundespräsident Walter Scheel während der Trauerfeier für den ermordeten Schleyer im Namen aller deutschen Bürger die Familienangehörigen des geopferten Wirtschaftsführer um Vergebung bat: 'Die Bürger hatten seinen Tod nicht verschuldet'.
Ein 'Deal' zur Freilassung von Schleyer wäre human gewesen, meint der Autor. Auch der frühere Vertrauensverteidiger und spätere Bundesinnenminister Otto Schily habe seinen Alternativvorschlag unterstützt, sei aber im Kanzleramt Schmidts 'gar nicht erst vorgelassen worden'. Mit Kanzler Schmidt geht der BKA-Beamte hart ins Gericht. Der SPD-Politiker habe nach der Entführung der Lufthansamaschine 'Landshut', mit der Terroristen die Forderung nach Freilassung von Kumpanen im Austausch gegen Schleyer unterstützen wollten, erklärt, er wäre zurückgetreten, falls es bei der von ihm veranlassten Erstürmung des gekaperten Flugzeugs tote Passagiere gegeben hätte. Diese 'menschenverachtende Einstellung' Schmidts sei auch in einem späteren Interview offenkundig geworden, als er zynisch meinte, ein Mensch in Todesangst wie Schleyer, folge nicht unbedingt 'den Gesetzen logischen Denkens'. Schmidt hatte sich mit dieser Bemerkung auf die verzweifelten Appelle Schleyers an den Staat bezogen, dem Austausch mit inhaftierten Terroristen zuzustimmen.
Klaus verweist auf die deutsche Verfassung, welche dem Staat zwingend auferlege, das Recht auf körperliche Unversehrtheit jedes einzelnen Bürgers mit allen Mitteln zu wahren. Schmidt und die anderen dafür verantwortlichen Politiker hätten in dieses unverbrüchliche Grundrecht jedes Deutschen im Fall Schleyer 'auf brutalste Weise eingegriffen'. Als BKA-Sonderermittler verweist der Autor auf den polizeilichen Grundsatz, wonach das Leben von Geiseln gegenüber allen anderen Erwägungen Vorrang haben muss. Der sei schon verletzt worden, als man dem Arbeitgeberpräsidenten einen 'gänzlich unzureichenden Begleitschutz' zur Seite gestellt habe, junge und vollkommen unerfahrene, zum Teil gar nicht für diese Aufgabe ausgebildete Polizisten, die von den RAF-Terroristen alle kaltblütig ermordet wurden, nur um an Schleyer heranzukommen. Klaus: 'Der Staat trug eine Mitschuld an der Entführung'.
Der BKA-Beamte stellt bitter fest, dass nach der Schleyer-Entführung und Ermordung das Gegenteil dessen eingetreten sei, von dem, was die Politiker immer versichert hätten: Die harte Haltung der Bundesregierung habe 'einen neuen Terrorismusschub' gefördert, und das 'in weit größerem Ausmaß' als je zuvor.
Das Buch des 'Familienbullen' der RAF gibt zudem tiefe Einblicke in die tatsächlichen Beweggründe und Verhaltensweisen der Terroristen, die nur ein so großartiger und menschlicher Polizist gewinnen konnte, wie es Alfred Klaus gewesen ist. Wer zum Thema RAF mitreden will, muss dieses Buch gelesen haben.