Wer, wenn nicht der, der "ohne Ankündigung explodierte wie ein Vulkan", eben jenes "rhetorische Schwerstgewicht", könnte sonst locker das politikrhetorische CD-Lager mit dem Erlesensten füllen, und es notfalls auch mal vollbellen? Und zwar mit auserlesener Sprache, die zumindest eines verrät: Unengagiert war d i e s e r Politiker garantiert nie.
Nebenbei erfährt man Details mit dem gewissen Extra, beispielsweise:
Wehner war der erste bundesdeutsche Politiker mit Personenschutz.
Man hört Ausschnitte von Kurt Schumachers einziger Rede im Reichstag im Februar 1932 -- die war gepfeffert!
Den ersten Ordnungsruf kassierte Wehner erst am 22.3.1956.
Hildegard Hamm-Brücher fiel der Abschied vom Abgeordneten Wehner schwerer als so manchem Parteigenossen.
KURZ:
Insgesamt ist diese Doppel-CD nicht nur amüsant -- das freilich auch, und zwar nicht zu knapp; schon der Titel "Sie Düffeldoffel da!" (ein Wehner-Zitat) weist deutlichst drauf hin. So nebenbei erfährt man was über den Hintergrund zu so einigem aus den ersten Jahren der Bundesrepublik bis Mitte der 80er Jahre.
Vor allem aber skizziert sie die schillernde Figur Herbert Wehners, soweit das überhaupt möglich ist: Mal ist er einem sympathisch, mal runzelt man die Stirn (dezent formuliert). Mal entpuppt er sich als engagierter weitsichtiger Demokrat, dann wieder scheint er ein gnadenloser Stratege zu sein, der über Leichen ginge, wenn er sein -- freilich unegoistisches -- Ziel anders nicht erreichen könnte. Wie oder was er tatsächlich war, das wissen die Götter -- vielleicht.
Eines jedoch steht fest: Er war "nicht nachahmlich" (Dieter Hildebrandt). Und nochwas steht fest: Dümmer macht einen diese Doppel-CD gewiss nicht.
LÄNGER:
Es beginnt fulminant mit "Prolog"; Wehners Geflügelte Worte sind oft Orkanworte. Er wirkt gleichzeitig schillernd und protestantisch-nüchtern hoch drei. Das verheißt Spannendes, und die Verheißung wird hier mehr als erfüllt. Diese gut 160 Minuten sind durchtränkt mit Wehners legendären und vielen weniger bekannten Volltreffern.
Zunächst erfährt man hier das Wichtigste über Wehners Biographie ("Wer war Herbert Wehner?" und seinen politischen Werdegang, die alles andere als geradlinig waren, vom zeitweilig anarchistisch engagierten Jugendlichen über die Zeit in Moskau (nix Genaues weiß man nicht) bis zu einem der maßgeblichen Reformer der SPD anfangs der 60er Jahre und darüber hinaus; Stichwort "Godesberger Programm". Grundlage scheint im Zweifelsfalle
Christoph Meyers Wehner-Biographie) zu sein.
Vermutlich aus technischen Gründen liegt das Schwergewicht auf Wehners Zeit als Bundestagsabgeordneter. Seine Jugend in der Weimarer Republik, aber auch seine nach wie vor umstrittene Zeit in Moskau lernt man vor allem im Track "Wer war Herbert Wehner?" kennen.
Und dann natürlich der Bundestagsabgeordnete Wehner. Der wehnerte nicht nur, der hielt auch kluge Reden, und er war ein begnadeter, mitunter auch durchtriebener Stratege. Auch diese CDs belegen es, weisen auf so manches hin: Beispielsweise auf Kurt Schumachers großen Einfluss, und viel Schumacher ist im O-Ton zu hören. Ebenfalls im O-Ton zu hören sind unter anderem Carlo Schmid, Konrad Adenauer, Erich Ollenhauer, Fritz Erler, Helmut Schmidt, Eugen Gerstenmaier, Gustav Heinemann, Willy Brandt, Franz Josef Strauß, halbchaotische martialische Rededuelle in der ersten Wahlperiode 1949/53 (bes. in den Tracks "Es ist furchtbar, unter den Menschen zu leben", "Polarisierungsperson", "Die Gehenden", "Contra Kohl et alios") -- aber auch z.B. Gustav Noske (!) oder Karl Carstens dürfen ans Mikrophon. Letzterer versuchte, gegen Wehner rhetorisch aufzutrumpfen, was ihm nicht so recht gelingen wollte -- um's höflich zu umschreiben.
Jaja, der Wehner -- sogar manche Bundestagspräsidenten, ergo amtliche Ordnungsruf-Mahner waren nicht ohne: Der zur Ordnung rufende Carlo Schmid konnte sich mal das Lachen nicht verkneifen, Richard Kopf-ab-Jaeger (außerhalb des Bundestages hieß er "Jaeger") versuchte sich in linguistischer Retourkutsche... Mehr nicht nur von dieser Sorte gibt's im Kapitel "Von Herren und Hufen". In "Die Gehenden" geht's u.a. um Wehners rhetorische Rundumschläge ("Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen"), deren Was-bisher-geschah, und außerdem hört man etliche seiner legendären rhetorischen Schnellschüsse.
"Das Wort 'noch'" behandelt vor allem das Thema "Wehner vs. die Journalisten" in den 60er und 70er Jahren; dreimal dürfen Sie raten, wer's besser mit der Sprache konnte... Einen hat er sogar mal "niedergeschwiegen". Nebenbei kann man hier auch ungeschnitten hören, wie genial Willy Brandt 1971 den nicht unbekannten Journalisten Nowottny auflaufen ließ; Wehner war damals nicht der einzige Könner. Freilich griff er zu anderen Mitteln als Brandt, wie man hier vorgeführt bekommt -- siehe bzw. höre seine Aussprache des Nachnamens "Lueg" in einem legendären Interview. Übrigens konnte Wehner sogar das Wort "Quatsch" noch steigern... In "Herr Kittelmann fühlt sich gereizt" geht's u.a. über Wehners Beziehungen zu Willy Brandt und Helmut Schmidt -- und über seine Position in Krisen der 70er Jahre, und seine Standfestigkeit gegenüber Helmut Kohl. Diesen Track muss man sich haargenau anhören, so dicht gepackt sind hier die Informationen. Politisch überkorrekte werden es allerdings nicht gern hören, wie er z.B. -- sachlich! -- in Sachen RAF analysiert.
Selbstverständlich geht's in der amüsanten Geschichte-Nachhilfestunde auch um Wehners Rolle in der Großen Koalition und in der Regierung Brandt, etwa in "Eine sorgfältig zu behandelnde Landschaft". Da gibt's nämlich mehr zu überliefern als nur das berühmt-berüchtigte "Der Kanzler badet gerne lau". Schade, dass am Ende dieses Tracks Wehners Rolle in der Guillaume-Affäre durch rhetorischen Nebel umkurvt wird, umwölkt mit viel O-Ton.
Man erlebt auf diesen zwei CDs aber auch einen anderen Wehner, einen besonnenen, ruhigen, beherrschten, maßvollen und engagierten, beispielsweise in seiner Stellungnahme, nachdem der Prager Frühling niedergewalzt wurde (letzteres in "Gebrannt, geadelt").
"Epilog", der letzte Track, geht nochmal auf Wehners imponierende und zugleich undurchsichtige Biographie ein: Herich sind keine zwei Zeitgenossen aufzutreiben, die annähernd das gleiche Bild von Wehner haben; der "Epilog" fasst noch einmal, natürlich wieder mit beeindruckenden Zitaten im O-Ton, die vorangegangenen elf akustischen Kapitel zusammen. Nicht Wehners rhetorische Breitseiten dominieren hier, sondern Ausschnitte aus ernsthaften Reden und Interviews. Seine deutlichen und ungezeterten Worte anno 1985 beispielsweise, dass und warum Deutschlands Verpflichtung gegenüber dem Staat Israel eben nicht ad acta gelegt werden kann -- mit denen liest er uns heute noch die Leviten. Und die Auszüge aus seiner letzten Rede im Bundestag sind ganz einfach -- großartig.