Gerhard Roth gheört zu den bekanntesten europäischen Neurologen. Und seine Bücher "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" sowie "Fühlen, Denken, Handeln" erlebten Auflage, die angesichts der komplexen Materie erstaunlich sind. Bestimmt haben all die Zuhörer seiner faszinierenden Referate zu diesem Verkaufserfolg beigetragen. Dennoch besteht offenbar ein Bedürfnis, die Erkennntisse der modernen Neurologie noch knapper und klarer in Buchform zu vermitteln. Jedenfalls gab der Bremer Professor dem Drängen des Suhrkamp Verlages nach, die wichtigsten Aspekte seiner Forschungstätigkeit in für Laien verständlicher Form aufzuarbeiten. Resultat: das gewagte Unternehmen ist geglückt. Wer die bisherigen Bücher kennt, wird aber nicht viel Neues erfahren, denn der Wissensstand der Hirnforschung lässt sich dem Verlag zuliebe nicht beliebig vermehren. 200 Seiten und zwölf Kapitel Wissenschaftsreport at it's best.
Roth beginnt seine faszinierenden Lektionen mit einer kleinen Hirnkunde. Kompakter, verständlicher und präziser habe ich eine solche Einführung bisher nicht angetroffen. Gerade mal zwanzig Seiten und einige Illustrationen benötigt Roth, um Newcomers in die Welt des menschlichen Gehirn einzuführen. Klar verwendet er die lateinischen Begriffe für die vielen Einzelteile. Aber in wenigen Sätzen und anschaulichen Metaphern wird die Fachterminologie in unsere Umgangssprache übersetzt. Auf dieses Kapitel folgt "Welt, Körper, Ich", eine Darstellung der Bereiche, die wir in unsere Alltagserfahrung mit dem Gehirn in Zusammenhang bringen, ohne jeweils genaue Abgrenzungen treffen zu können. Im 3. Kapitel geht Roth darauf ein, was uns Menschen neurologisch vom Tier unterscheidet. Katzen- und Hundefreunden seien diese Ausführungen speziell empfohlen. Um die Frage, ob wir die Welt abbilden oder konstruieren geht es im 4. Kapitel, das schwierige und missverständliche Begriffe klärt. Damit ist der Weg frei, um sich intensiv mit dem Gedächtnis zu beschäftigen, genauer gesagt mit den verschiedenen Arten der Informationsspeicherung. Die ewige Frage, ob Gene oder Umwelt unsere Persönlichkeit, unser Verhalten bestimmen, ist Gegenstand der 6. Kapitels und bleibt letzlich offen. Erziehende und Lehrende werden nach der Lektüre nicht mehr unbedarft mit Prozentzahlen und Scheinwahrheiten um sich werfen oder jedes eineiige Zwillingspaar als persönliche Versuchskaninchen betrachten. Was Neurologen unter "Geist" verstehen wird danach vermittelt, um dann auf die Freud'schen Begriffe "Ich und Es" einzugehen. Psychologen, die sich noch nie mit Neurologie beschäftigten^und alten Begrifflichkeiten nachhängen, müssen Roths Ausführungen einfach lesen. Wie ein weiterer Grabenkrieg gelöst werden kann, zeigt uns Roth im 9. Kapitel, wo es um Verstand und Gefühle geht. Die neu entdeckte Macht der Emotionen wird uns bestimmt noch lange beschäftigen und lieb gewonnene Denkmuster in Frage stellen. Die Frage, wie weit Erwachsene ihr Verhalten überhaupt grundsätzlich ändern können, leitet zum 10. Kapitel über, das sich dem Themenkomplex "menschliche Freiheit" widmet. "Über die letzten Dinge" lautet der Titel des zweitletzten Kapitels und gibt Roths Auffassungen zu Religion und Wissenschaft wieder. Und weil die Neurologie so viele Denkgebäude ins Wanken bringt, geht Roth im 12. Kapitel noch auf die Frage ein, was Wahrheit im wissenschaftlichen Sinn ist.
Gerhard Roth hat mit seinem neusten Buch Massstäbe gesetzt. Denn bislang waren es vor allem Wissenschaftsjournalisten, die einer breiten Öffentlichkeit Einblick in die Neurolgie verschafften. Wenn es aber ein Fachmann schafft, Spezialistenwissen allgemein verständlich zu reduzieren, ist die inhaltliche Substanz klar grösser. Zum Glück hat der Suhrkamp Verlag Gerhard Roth "genötigt", aus zwei Büchern eines zu machen. Und zum Schönen dieses Unterfangens gehört, dass der Preis moderat angesetzt wurde.