Stefan Sullivans zwei Novellen behandeln die Reisen eines jungen Mannes aus dem Westen in den neuen Osten. Akademisch gesprochen: Die erste folgt den Spuren der Rekonstruktion einer sibirischen Nationalkultur am Beispiel des Schamanismus und enthüllt all die Fragwürdigkeiten solcher postnationalen Renationalisierung. Die zweite Novelle spielt im sibirischen Ölboom. Doch beide Geschichten sind eben keine theorielastigen Traktate, sie sind Entgrenzungserlebnisse, bei denen der Osten nicht viel anders funktioniert als der Wilde Westen in früheren Zeiten. Voller Sarkasmus geht Sullivan mit allerlei Romantizismen um, ob sie Verklärungen der jüngsten oder älteren Vergangenheit sind. Was ihm dabei gelungen ist, ist viel mehr als nur ein Porträt Russlands im ersten Jahrzehnt nach der Sowjetunion. Sullivan hat in wunderbarer, höchst präziser und gestochen scharfer Sprache beschrieben, was Kultur und ein kulturell definiertes Ich heute bedeuten - und wo Falltüren sich öffnen. Seine beiden Novellen sind ein intellektuelles Vergnügen, mal ausschweifend und derb, mal voller milder Menschlichkeit. Hinter all den großen Worten von Kultur, Nation und Identität stehen immer wieder Menschen mit höchst realen und oft körperlichen Bedürfnissen. Kaum ein Autor kann so gekonnt zwischen Sex und Alkohol und postsowjetischer Selbstsuche changieren. Sullivans Panorama ist ein Satyricon, ein an Pynchon erinnerndes Porträt einer Welt, in der sich lächerlich macht, wer allzu Hehres allzu wörtlich nimmt. Stefan Sullivan ist einer der wenigen Autoren der jüngeren Generation mit Star-Qualitäten, der seinen enormen Bildungsreichtum für Literatur nutzt, ohne ihn aufzudrängen. Seine Doppelnovelle ist eine wahre Entdeckung. Sie wärmstens zu empfehlen ist beinahe eine Untertreibung.