Wenn Federal Marshall Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) von einem der Insassen der Nervenheilanstalt auf Shutter Island diese Prophezeiung an den Kopf geworfen bekommt, ist man fast schon geneigt, ihr zu glauben, denn der vermeintlich wohlwollende Anstaltsleiter Dr. Crawley (Ben Kingsley) scheint zusammen mit dem deutschen Psychiater Naehring (Max von Sydow) im Namen der Regierung teuflische Experimente durchzuführen. Zudem schreiben wir das Jahr 1954, und ein deutscher Psychologe in Naehrings Alter dürfte eine gewisse Vorgeschichte haben. Und außerdem mehren sich recht rasch die Anzeichen dafür, daß Teddy Daniels, der mit einem Kollegen, den er nie zuvor gesehen hat, zusammenarbeitet, unter fadenscheinigem Vorwand auf diese Insel gelockt worden ist, denn wie soll es Rachel Solano, die geisteskranke Kindsmörderin, deren Verschwinden er hier untersuchen soll, von hier auf das Festland geschafft haben?
Wem kann Teddy Daniels auf dieser zur Nervenheilanstalt für geistesgestörte Straftäter umgebauten Insel überhaupt noch trauen? "You'll never leave this island", klingt da nicht länger wie das Gerede eines Geisteskranken - und gleichzeitig erinnert die hoffnungslose Isolation unseres Helden inmitten eines Meers von Verschwörung und Wahnsinn an Joseph Conrads Beobachtung "We live as we dream - alone", die die Quintessenz seines Romans "Heart of Darkness" ist.
Mit "Shutter Island" (2010) hat Martin Scorsese mehr als nur einen spannenden Psychothriller mit Elementen des Film noir geschaffen - aber es ist ihm eben auch nichts Geringeres als eben dies gelungen. Daniels ist ein zerrissener Mann, dessen Ich sich zu Anfang des Filmes lädiert - mit einem Pflaster auf der Stirn - aus der Taufe eines Waschbeckens erhebt, und das "Pull yourself together", das sich der Protagonist vor dem Spiegel zuraunt, kann durchaus wörtlich verstanden werden im Sinne des "Vergewissere dich deiner Identität!" Recht früh wird klar, daß es Daniels nicht in erster Linie darum zu tun ist, die verschwundene Rachel Solano wieder aufzuspüren, sondern daß er einem Komplott hinterherjagt, das die Anstalt im Zusammenspiel mit der Regierung eingegangen ist. Dabei steigen dann auch die Geister seiner Vergangenheit aus ihren Gräbern - seine Rolle bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau ebenso wie seine von Verdrängung quälender Schuld belastete Ehe mit einer Frau, die er schließlich durch einen heimtückischen Mord verliert. Wichtig ist ihm hierbei aber festzuhalten, daß seine Frau nicht durch das vom wahnsinnigen Hausmeister gelegte Feuer verbrannte, sondern durch den Rauch erstickte. Später wird man erkennen, daß Ersticken wirklich ihre Todesursache war, auch wenn Daniels sich mit all seinen weiteren Anmerkungen zu ihrem Tod im Irrtum befand.
Wem diese meine kryptischen Andeutungen zu wirr und zu unbefriedigend erscheinen, der ist mit "Shutter Island" unter Umständen nicht wirklich gut bedient, denn Scorsese tut mit seiner Bilderflut aus Erinnerungen, Träumen und bildgewordenen Ängsten des Protagonisten im Grunde nichts anderes als den Akt des Sich-Zusammen-Reißens Daniels' mit all seinen Rückschlägen abzubilden, wenn dabei auch manche Einzelheiten im nachhinein als Winke mit Zaunpfählen erscheinen. So ist die Figur des wahnsinnigen Hausmeisters Laeddis (Elias Koteas) mit der riesigen Narbe, die sich quer durch sein Gesicht zieht, und den beiden verschiedenfarbigen Augen eigentlich ein sehr oberflächlicher Griff in die Freudianische Klischeekiste, aber viele der anderen Gesichte Daniels', die Scorsese an uns vorbeiziehen läßt, sind von irrer Intensität. DiCaprio gelingt es, uns für die Figur des verzweifelt suchenden und noch verzweifelter nicht sehen wollenden Daniels einzunehmen, und sie trotz ihrer Schattenseiten, wie etwa ihrer nur schlecht unter der Maske von Professionalität versteckten Wut und Aggression, nicht fremd oder unsympathisch erscheinen zu lassen, während Kingsley und Sydow ihre Charaktere zwar dämonisch - wen würde die Machtfülle eines Psychologen auf einer Inselanstalt nicht verängstigen -, aber nicht eindimensional spielen.
So macht es denn auch nichts, sollte man wirklich schon während des ersten Ansehens hinter das Geheimnis von "Shutter Island" kommen, denn ganz so unstrittig wie es das Feature "Historische Entwicklung der Psychiatrie in den USA" auf der DVD erscheinen lassen will, ist die Auflösung der Story meiner Meinung nach denn doch nicht. Darüber hinaus lohnt dieser Film auch ein zweites und sogar ein drittes Ansehen im Wissen um seine Mehrdimensionalität, erscheinen einem viele Szenen und das Verhalten der einzelnen Personen dann doch in einem ganz anderen Lichte, das den Zuschauer befähigt, die Ambivalenz, mit der Scorsese seinen Film ausgestattet hat, vollends zu goutieren.
Ja, "Shutter Island" ist mehr als eine Mischung aus Thriller und Film noir. Er ist ein Kommentar zum Sendungsbewußtsein und zu den Irrwegen der modernen Psychologie, und er ist eine Symphonie des Grauens, das daraus resultiert, daß wir es letzten Endes selbst sind, die unsere eigene Realität konstruieren, wobei wir mitunter in Sackgassen enden, aus denen keiner unserer Hilfeschreie unverzerrt in das Leben der anderen dringt.
Und, last not least, ist "Shutter Island" wohl der letzte Beweis dafür, daß Scorsese mit DiCaprio das gelungen ist, was ein anderer Regisseur, Anthony Mann, mit einem anderen Schauspieler, James Stewart, schaffte - nämlich aus einem festgelegten Typus einen ernstzunehmenden Charakterdarsteller zu formen.
Wem mein Quark aus Metaphern und Andeutungen nicht behagt, der sei vor diesem Film gewarnt. Allen anderen indes wünsche ich, daß sie für sich eine zufriedenstellende Antwort auf die immer und immer wieder von Daniels gestellte Frage finden mögen.