Mein persönliches Lieblingssutra, weil es einem viel Neues und für uns Ungewöhnliches zu überlegen aufgibt. Es behandelt fast ausschließlich das wichtigste Thema des Buddhismus: Leerheit und den Geist. Buddha geht immer wieder geduldig auf alle Zweifel Anandas ein und erklärt, warum alle Objekte, die es gibt, bloß phantastisch und illusorisch sind. Dabei erläutert er ausführlich, wie die 5 Sinne einschließlich des rein geistigen Bewusstseins nur Ausprägungen desselben Geistes sind und warum Erleuchtung eines Sinnes alle anderen erleuchtet. Interessant ist auch, dass Buddha ganz ähnlich wie Sokrates (geistige Krankheiten bringen den Geist nicht um) die Unsterblichkeit des Geistes begründet, indem er darauf verweist, dass die geistige Wahrnehmung nicht altert.
Weitere Fragen, die geklärt werden, sind: Was ist Raum? Kann der Geist unterteilt werden? Was versteht man unter Buddhanatur? Ist der Geist beweglich? Sind Objekte im Geist oder außerhalb zu finden? Was sind die drei Arten des Leidens? Ist Erleuchtung endgültig und wird sie stufenweise oder plötzlich erlangt? Wie verhält sich das individuelle Karma zum kollektiven? Kann man magische Kräfte in diesem Leben erlangen? Sind wir eine einzigartige Schöpfung? U.v.a.m.
Viel Raum nimmt auch die Frage ein, wo der Geist zu finden ist bzw. ob der Geist im Körper oder sozusagen der Körper im Geist ist. Dies wird durch das Gleichnis der umgekehrten Mudra bildhaft veranschaulicht. Ein anderes berühmtes Gleichnis ist das Zeigen mit dem Finger auf den Mond, wobei die Gefahr besteht, den Finger mit dem Mond und damit das Licht mit der Dunkelheit zu verwechseln.
Wie bei Mahayanasutras üblich, findet sich am Schluss noch ein Abschnitt, in dem ganz kurz moralische Fragen abgehandelt werden, wie die Haltung zum Fleischessen und zu Milchprodukten, und ob man freundlich oder ehrlich sein soll. Buddha warnt hier auch ausdrücklich vor falschen Lehrern, die hauptsächlich ihr eigenes Wohl im Sinn haben, aber vorgeben, altruistisch zu sein.
Allerdings enthält "diese Übertragung von Dr. Raoul von Muralt ... [nur] einen wesentlichen Teil des Sutras, das im 8. Jahrhundert ins Chinesische übersetzt blieb und uns so erhalten blieb". Ich verstehe das so, als ob das Sutra schon seit dem 8.Jh. nicht mehr vollständig erhalten ist. Es macht aber beim Lesen durchaus den Eindruck, vollständig zu sein.
Fazit: Wer ein tieferes Verständnis sowohl des eigenen Geistes als auch der Leerheit gewinnen möchte, sollte dieses Sutra lesen. Trotz der lediglich 146 Seiten ist es extrem reichhaltig. Ich persönlich halte es für das philosophischste und tiefgründigste Sutra von allen, die ich kenne, zu denen das mittlere und das große Prajnaparamita-Sutra zwar leider noch nicht zählen. An manchen Stellen ist es naturgemäß schwierig zu verstehen, doch erwartet man von so einem Buch auch nicht, dass es einfach sein müsste oder sein könnte.