„Howl Howl Gaff Gaff“
Neben Großbritannien ist wohl kaum eine europäische Nation erfolgreicher darin, hausgemachte Popmusik zu exportieren als Schweden. Angefangen mit Abba, der Mutterband aller Popträume, über den flüchtigen Urlaubspop von Laid Back und Ace Of Base bis zu hin zu aktuellen Retro-Rockern wie den Caesars und den Hives, ganz zu schweigen von Chartstürmern wie Cardigans und Mando Diao: „Made in Sweden“ ist ein international bewährtes Gütesiegel. Gleichwohl zeichneten sich schwedische Bands selten durch übermäßige Originalität aus. In der Regel arbeitete man sich an so gängigen wie erprobten Stilistika ab, entstaubte sie, brachte sie auf Vordermann und schuf dabei nicht selten Kopien, die auf das Original noch ordentlich einen draufsetzten. In der Folge erwarben sich die Schweden den Ruf, so etwas wie die Japaner Skandinaviens zu sein. Durch eins aber unterscheidet sich Schwedenpop seit jeher vom Replika-Sound aus dem Land der aufgehenden Sonne: Die Skandinavier haben ein ausgezeichnetes Händchen fürs Songwriting und einen todsicheren Riecher für Hits, was vor allem Mando Diao derzeit ein ums andere Mal beweisen.
Auch die Shout Out Louds kommen aus Schweden, schreiben Songs zum Niederknien und haben mit „Howl Howl Gaff Gaff“ ein Album aufgenommen, das bei zehn Tracks ganze zehn hundertprozentige Singlehits zu bieten hat – oder um es mit den Worten des All Music Guides zu sagen: „Es gibt einfach keinen schwachen Song auf dem Album, will man die besten auflisten, muss man das komplette Tracklisting abdrucken.“ Damit hat es sich aber auch schon mit den explizit schwedischen Trademarks des Quintetts um den 26-jährigen Sänger und Gitarristen Adam Olenius. Denn die Shout Out Louds kommen gänzlich ohne Backenbärte oder Pilzköpfe respektive Stooges- oder Who-Zitate aus, ihre Musik spricht ihre eigene, völlig andere Sprache. Dass sie in den USA in einem Atemzug mit Bright Eyes und vor allem Arcade Fire genannt werden, unterstreicht das nur, stehen doch beide Bands für den wohl eigenständigsten musikalischen Entwurf, den die Indie-Szene des nordamerikanischen Kontinents momentan zu bieten hat. So ist es denn nur konsequent, dass die Shout Out Louds, von Capitol in den USA unter Vertrag genommen, ebendort ihre avisierte internationale Karriere gestartet haben.
Vom amerikanischen Rolling Stone bis zum britischen NME als eine der herausragendsten Entdeckungen dieses Jahre gepriesen und bereits mit einem Auftritt in Jay Lenos legendärer Nightshow geadelt, geht es sich denkbar gut an für die gerade mal vier Jahre alte Band, deren nun vorliegendes internationales Debütalbum ihr bisheriges Schaffen kongenial auf den Punkt bringt. Im Herbst 2001 studierten die Schulfreunde Adam Olenius und Carl von Abim (g) noch gemeinsam in Stockholm Grafik Design, Ted Malmros (b) versuchte sich in einem Filmseminar, Eric Edman (dr) war für Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben und die Multiinstrumentalistin Bebban Stenborg, die erst etwas später zu den Shout Out Louds kam, legte seinerzeit letzte Hand an eine Kurzgeschichte über einen Löwenbändiger. Ihren ersten Auftritt in einem winzigen Jazzclub absolvierten die vier Jungs im Jahr 2002 noch allein. Dabei bestand das komplette Programm aus gerade mal drei Stücken. Ende desselben Jahres erschien eine erste Version ihres Songs „Very Loud“ auf der CD-Beilage der schwedischen Musikzeitschrift Sonic - und wurde der meistgefragte Song in der Geschichte des Magazins. Und nachdem der Moog-Synthesizer, der live bis dahin von diversen Freunden gespielt wurde, sich mehr und mehr zu einem unverzichtbaren Element des Bandsounds entwickelte, überredeten die Jungs ihre gemeinsame Freundin Bebban, eigentlich eine klassisch geschulte Pianistin, ihnen dauerhaft zur Seite zu stehen.
Über die nächsten zweieinhalb Jahre folgten einige skandinavische Veröffentlichungen, beginnend 2003 mit der 4Track-EP „100°“ und als vorläufiger Höhepunkt das im Oktober desselben Jahres veröffentlichte Album „Howl Howl Gaff Gaff“, das in Schweden begeistert aufgenommen wurde, aber nicht identisch mit der nun erscheinenden internationalen Edition ist. 2004 verbrachten Shout Out Louds mit ausgiebigem Touren, produzierten eine weitere, „Oh Sweetheart“ betitelte EP und unterschrieben schließlich bei Capitol Records US. Dort wurde „Howl Howl Gaff Gaff“, bestehend aus den Songs ihres schwedischen Debütalbums und der „Oh Sweetheart“-EP, im Mai dieses Jahres veröffentlicht. Die begeisterten Rezensionen, Touren im Vorprogramm von Kings of Leon und den Dears, der vom NME bejubelte Auftritt auf dem renommierten Coachalla-Festival, aber vor allem das Album selbst sind die besten Indizien für den Beginn einer rauschenden Karriere.
„Howl Howl Gaff Gaff“ ist von einer fast schon barocken Melodienfülle und zutiefst romantisch, eben himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Die vielen kleinen Reminiszenzen und Huldigungen schlagen geradezu Funken und sie reichen von den Beach Boys und der Incredible String Band über Cure und New Order bis hin zu Kings Of Leon und den Strokes. Bei allen möglichen Assoziationen ist diese Platte in ihrem Herzen einfach, geradeheraus und aufrichtig. Nicht unbedingt im musikalischen, aber in einem ausgesprochen persönlichen Sinne: Dank ihrer ungestümen Leidenschaft, der emotionalen Tiefe und Fabulierlust rührt sie direkt an den Wurzeln unserer Gefühle. Dabei strahlen selbst ihre Balladen über gebrochene Herzen wie die Frühlingssonne. All die Momente, in den einem Akkordeon, Streicher, oder ein Wort aus Olenius’ liebeskummerwunder Kehle immer wieder Klöße im Hals verankern, werden, wo nötig, unterstrichen von kräftigen New-Wave- Keyboards, getrieben von pulsierenden Marching-Band-Rhythmen und immer wieder von phantastischen Rhythmusgitarren auf Tempo gebracht. Barock, Pop, Rock – alles ist da und alles ist vor allem genau dort, von wo es ohne Umwege unter die Haut, in die Herzen und in die Hüften fahren kann. „Ich mag Kontraste“, erklärt Adam seine Ambitionen. „Und ich habe absolut keine Angst davor, romantisch zu klingen, vor allem dann nicht, wenn ich dabei immer noch ein wenig düster sein kann. Ich liebe es, in einem recht simplen Popsong Chaos anzurichten.“ Dabei ist „Howl Howl Gaff Gaff“ alles andere als chaotisch. Produziert von Ronald Bood, einem der derzeit besten schwedischen Produzenten, der unter anderem mit Mando Diao und Keane gearbeitet hat, beeindruckt es mit einer brillanten Klarheit. „Brillant“ im wahrsten Sinne des Wortes. Ein funkelndes, eindrucksvolles und einzigartiges Juwel.
August 2005
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