Shot Of Love" ist ein Bob Dylan Album, welches im Sommer 1981 erschien.
Kurz zuvor hatte Dylan zum zweiten Mal in seiner Karriere Konzerte in Deutschland gegeben und vorab bereits einige der neuen Lieder aus dem noch unveröffentlichten Album auf der Bühne vorgestellt.
Als die Platte dann in die Läden kam, wurde sie von den meisten deutschen Kritikern erstmal daraufhin gehört, ob Dylan mit ihr weiterhin christliche Botschaften vermitteln wollte.
Dylan war zwei Jahre zuvor öffentlich zum Christentum konvertiert und hatte diese
Hinwendung zu Jesus Christus radikal ins Zentrum seiner Kunst gerückt, wodurch sich viele seiner Hörer stark irritiert zeigten.
Als er dann auch noch in seinen Konzerten ausschließlich diese neuen Lieder vortrug, dem Publikum gegenüber in lange Monologe über das bevorstehende Ende der Welt verfiel und im August 1980 Saved" veröffentlichte, da war Bob Dylan für die meisten Musikkritiker und viele seiner Fans" fürs Erste erledigt.
In Deutschland waren die Kritiken bezogen auf seine Konzerte und Platten bereits seit 1978 besonders gehässig und verletzend.
Unvergessen ist in diesem Zusammenhang die völlig unterbelichtete Kritik von Ingeborg Schober im Nachrichtenmagazin
Der Spiegel" über ein Konzert in Tokyo Anfang 1978 (vom Protest zum Schubidu"...
allein die armselige Sprache dieser sogenannten Journalistin).
Bereits zu dieser Zeit hatte sich Dylans' Musik verändert. Besonders markant war neben einem üppig instrumentierten Bandsound der Einsatz von 3 oder 4 Gospelsängerinnen, mit denen Dylan auf seiner 1978er Welttournee so wundervoll harmonierte.
Die Hinwendung zum Christentum und zur (schwarzen!) Gospelmusik ein Jahr später war demnach ein zu erwartender und konsequenter Schritt.
Ich möchte hier aber nicht falsch verstanden werden. Die Texte auf Slow Train Coming" und Saved" kann ich persönlich nicht allesamt nachvollziehen oder gut finden.
Auch dürfte ich mich als sogenannter Ungläubiger" weder von diesen Platten, noch von den zahlreichen Konzertmitschnitten jener Zeit angesprochen fühlen.
Was damals und zum Teil auch heute noch übersehen wurde, ist hingegen die unglaubliche Intensität der Musik und ganz besonders von Bob Dylans' Stimme. Diese erreichte damals
auch in den höheren Lagen ein sehr großes Volumen, und er sang mit einer Besessenheit und Ausdrucksfähigkeit, die ich persönlich als große Kunst bezeichnen würde (hier sei Richard Kleins tolles Buch über Dylan empfohlen, der diese Festsstellung ebenfalls trifft).
Und dann gab es natürlich auch Lieder wie z.B. When He Returns" wo selbst ein Ungläubiger" wie ich ins Grübeln kommt, denn Dylan singt sich die Seele aus dem Leib und man muss ihm einfach zuhören und irgendwie auch Glauben schenken.
Aber zurück ins Jahr 1981 und zu Shot Of Love".
Diese Platte beeindruckt auch 30 Jahre später noch vor allem durch ihren Sound.
Dieser ist total roh und ungehobelt, alles klingt absolut live und unbearbeitet.
Den Titelsong hat Dylan Jahre später als eine seiner besten Aufnahmen bezeichnet und als das, was er mit seiner Musik ausdrücken möchte.
Auch in der heutigen Zeit (in diesen Modern Times") sagt mir dieser Song persönlich, dass ich diesen ganzen Mist, der da in den Medien und von all diesen dümmlichen Marktschreiern angepriesen wird, in meinem Leben nicht brauche.
Die Musik ist sehr intensiv, Dylans' Stimme zusammen mit den großartigen Gospelsängerinnen unmittelbar und hypnotisch.
Es folgen weitere Höhepunkte wie das sehr schöne Heart Of Mine", Property Of Jesus"
(eine Art zweites Positively Fourth Street", diesmal gerichtet an alle Ignoranten oder ist etwas Mick Jagger gemeint?) oder die melancholische Ballade über Lenny Bruce".
Wenn Dylan da: He was an Outlaw, that's for sure, more of an outlaw, then you ever were" singt, werde ich das Gefühl nicht los, dass er mit diesen Zeilen zu sich selbst spricht.
Nachträglich wurde der CD Version von Shot Of Love" ein weiterer Track zugefügt, nämlich The Groom's Still Waiting At The Altar", damals nur auf der B-Seite einer Single erhältlich und ein Song, der Gospel meisterhaft mit dreckigem R'n B verbindet.
Auf Seite 2 von Shot Of Love" steht zu Anfang Dead Man, Dead Man", welches einen intensiven Reggae Rhythmus hat und sehr hypnotisch wirkt: Who can't stand it, I can't stand it, pretendig that you're so smart"
(Unvergessen ist mir die kochende Version dieses Liedes am Ende des großartigen Dortmunder Konzertes von 1987 zusammen mit den Queens Of Rhythm & Tom Petty And The Heartbreakers als Begleitgruppe).
Mit In The Summertime" folgt ein eher einfaches, melodisches und in Erinnerungen schwelgendes Lieblingslied, zum Glück kommt es ohne Kitsch und Zuckerguss aus.
Dylans' Spiel auf der Harp ist zudem absolut meisterhaft und irgendwie zwingend bei
dieser Aufnahme.
Trouble" folgt und dieses eher belanglose Lied vergessen wir mal, aber am Ende der Platte folgt ja noch Every Grain Of Sand"!
Ein wunderbar ruhig und entspannt dahin fließendes Lied, eine Meditation über die Schöpfung und ein Dylan, der sich hier ganz und gar im Gleichgewicht mit sich und seiner Kunst befindet. Auch hier hören wir wieder eine Harmonica, die soulful und über alle Maßen inspiriert und überirdisch klingt.
Auf der Rückschau Biograph", die 1985 veröffentlicht wurde, folgt Every Grain Of Sand" übrigens unmittelbar nach Mr. Tambourine Man" und diese beiden sehr spirituellen und visionären Lieder gehen da fließend ineinander über.
Vielleicht war Every Grain Of Sand" damals sogar schon als eine langsame Abkehr vom fundamentalistischem Christentum zu verstehen und eine Hinwendung zu einer sich weit darüber befindlichen Spiritualität, die Dylan dann später in den Liedern des sogenannten
alten Amerika fand und diese oftmals traditionellen Songs aus dem Blues und der Folkmusik auch als seinen Kompass im Leben bezeichnet hat. Er würde diese Lieder lange nach Shot Of Love" später noch häufig zitieren und etwas Neues aus ihnen schaffen. Natürlich konnte man das damals noch nicht ahnen und im weiteren Verlauf der 80er Jahre wurde Dylan dann vollends als Relikt aus den Sixties abgetan und jede Platte, die er herausbrachte, wurde
niedergemacht, obwohl er in diesem musikalisch irgendwie total geschmacklosen Jahrzehnt eine Vielzahl erstklassiger Lieder geschrieben und aufgenommen hat
(Blind Willie McTell", I And I, Brownsville Girl" und das gesamte Oh Mercy" Album belegen dies sehr eindrücklich).
Bleibt zum Schluss noch anzumerken, dass Bob Dylan zwischen 1980 und 1981 über Shot6 Of Love" hinaus noch einige weitere, hochklassige Lieder geschrieben und aufgenommen hat.
Zwei der besten, nämlich Carribbean Winds" und Angeline" wurden 1985 bzw. 1991 noch veröffentlicht, andere wie das bluesgetränkte Let's Keep It Between Us" sowie das wie ein Spiritual klingende City Of Gold" hat er damals, im November 1980, auf seiner Retrospective Tour" häufig in seinen Konzerten gesungen, leider jedoch niemals offiziell veröffentlicht.
Denkt man sich diese Lieder dazu, dann hätte Shot Of Love" leicht die Qualität von Dylans' allerbesten Arbeiten erreichen können, aber das hätte damals vermutlich ohnehin niemand bemerkt.
Diesen Fehler, also die besten Songs nicht mit auf eine Platte zu nehmen, sollte Bob Dylan dann zwei Jahre später mit Infidels" noch in weitaus extremerer Weise wiederholen, aber das wäre eine andere Geschichte.
Shot Of Love" ist und bleibt aber eine seiner am meisten unterbewerteten Arbeiten.