Am 25. September feiern wir den 100. Geburtstag des großen russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Pünktlich zu diesem Feiertag erscheinen einige CD-Boxen, u.a. fünf von Decca. Aber diese zehn CD-Box von EMI sticht aus allen heraus. Hier finden sich sämtliche Symphonien unter dem Dirigat Mariss Jansons, der als absoluter Kenner von Schostakowitschs Werken gilt. Jansons besuchte in jungen Jahren Proben und Konzerte bei Jewgeniy Mrawinsky in Leningrad, bei dem er auch in die Lehre ging. Mrawinsky hat einige Uraufführungen der Schostakowitsch-Symphonien geleitet und war wie Jansons Vater Arvid ein bedeutender Dirigent der Leningrader Philharmoniker.
Es hat beinahe 17 Jahre gedauert, alle 15 Symphonien mit verschiedenen Spitzenorchestern der Welt einzuspielen. Jansons durfte die Symphonien mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, den Berlinern und Wiener Philharmonikern, dem Philadelphia Orchestra, dem Pittsburgh Symphony Orcherstra, dem Oslo Philharmonic Orchestra und London Philharmonic Orchestra einspielen.
Bei Jansons steht Schostakowitsch mehr als bei jedem anderen Dirigenten im emotionalen Mittelpunkt. Die Aufnahmen der fünfzehn Symphonien klingen alle packend und sind bei aller Detailbesessenheit geschlossen in den formalen Zusammenhängen. Mariss Jansons zeichnet sich wieder einmal mehr als souveräner Strukturalist jenseits aller Emotionalität aus. Man wird zurzeit keinen berufeneren Schostakowitsch-Interpreten finden.
Die fünfzehn Schostakowitsch Symphonien, welche zwischen 1926 und 1972 entstanden, sind ein musikalischer Spiegel der Geschichte der Sowjetunion. Die Symphonien erzählen vom stalinistischen Terror, vom Krieg gegen das faschistische Deutschland und vom Leben im Schatten der Diktatur. Dmitri Schostakowitsch spannt dabei einen Bogen von der Aufbruchsstimmung der jugendlich genialen Ersten bis zur resignativen Fünfzehnten. Die vierte Symphonie zog er kurz vor der Aufführung wieder zurück, weil die Uraufführung einem Selbstmord gleichgekommen wäre. Die vierte Symphonie ist voll von ironischen Walzern und zusammengeschnittenen Marschmotiven, Fugen, grellen Trompetenfanfaren, pathetischen Steigerungen und grotesken Zusammenbrüchen. Die Terrormaschine Stalins lief auf Hochtouren, die Abweichung von der sowjetischen Kunstdoktrin war für viele Künstler ein Todesurteil. Erst acht Jahre nach Stalins Tod wurde sie in Moskau zum ersten Mal gespielt. Man kann dieses Vierte durchaus für seine bedeutendste Symphonie halten, obwohl viele Künstler um sie auch weiterhin einen großen Bogen machen.
Man bekommt mit dieser Box einen umfassenden Überblick über das Werk von Dmitri Schostakowitsch und wird von keiner der Aufnahmen enttäuscht. Mariss Jansons hat sich so viel und intensiv mit der Musik und dem Leben von Schostakowitsch beschäftigt, dass dies die überzeugendste Gesamtdarstellung der Symphonien des großen russischen Meisters darstellt.