Die Präludien und Fugen, die Dimitri Shostakovich in offener Anlehnung an J.S. Bach geschrieben hat, sind ein wahrer Schatz. Man beginne nur mit dem Präludium in C-dur, welches ganz kokett und feingliedrig beginnt, um dann aber rasch hintersinnig die Verwurzelung im 20. Jahrhundert mitsamt (sehr vorsichtiger) Dissonanzen und dem Hinterfragen der Dur-Moll-Tonlagen zu widerspiegeln. Bereits diese erste Perle hört man sehr gerne, sie ist auch recht eingänglich. Die nachfolgende Fuge ist eine klare Verbeugung vor Bach, aber Shostakovich spinnt den Faden viel weiter, bis weit in die Gegenwartsmusik hinein. Dann folgen einfachere, wiederum recht rasch ins Ohr gehende kleine Stücke, die sich mit komplexeren und widerborstigeren Stücken abwechseln. Bei der Fuge in a-moll meint man zunächst wirklich ein Original von Bach zu hören, bis die Entlarvung folgt. Die Fuge in A-dur andererseits hat das Potential zu einem veritablen Ohrwurm. Wenn diese kostbare Musik nur nicht so vernachlässigt würde. Demjenigen mit offenen Ohren bietet dieser Zyklus unendlich viele Einsichten, langweilig ist es keine Minute lang.
Noch ein Wort zur Interpretation: Die Lesart von Vladimir Ashkenazy erscheint mir absolut mustergültig. Unter seinen Händen werden die Unterschiede und die Anlehnung an Bach fein herausgearbeitet, jedes Stück hat sein eigenes Funkeln. Ist dies nun die allgemeingültige Interpretation? Wie haben es Nikolaeva oder Scherbakov eingespielt? Ashkenazy nimmt sich selber zurück, dies erlaubt eine recht grosse Objektivität und führt - auch klanglich - zu einem sehr ausgewogenen Ergebnis. Manchen könnte dies auch fahl erscheinen.
Tatjana Nikolaeva in ihrer Melodyia-Aufnahme (heute bei Regis verfügbar) spielt mit mehr Herz und Spannung, aber auch mit dem Vorteil der Uraufführenden. Sie kannte Shostakovich, regte ihn mit zu diesem Zyklus an und verarbeitet seinen Humor in ihren Interpretationen. Ihre grosse Affinität mit Bach (sie gehört bis heute zu dessen grössten Interpreten, was gerne vergessen geht) hilft ebenfalls. Diese Aufnahme wird wohl die Referenz bleiben. Die Klangtechnik ist gegenüber der Ashkenazy-Aufnahme nur unerheblich schlechter, im Gegensatz zu ihrer weiteren Aufnahme, die bei Hyperion erschien und auch interpretatorisch unterlegen ist.
Und Scherbakov? Er spielt die Stücke ausgenommen subtil, besonders die zweite Hälfte kommt so zur besonderen Geltung. Die Interpretationen dieser Pianisten sind derart verschieden, dass man sie alle gehört haben sollte - wenn man diese Musik liebt.