Harald Weygand, seines Zeichens Head of Trading bei GodmodeTrader.de, hat sich mit diesem Büchlein vorgenommen den von der hohen Volatilität der Finanzmärkte geplagten und eher langfristig orientierten Anlegern das Leerverkaufen beizubringen. Solche Mitbürger setzen aber ihr Geld auf Werte, die sie nach fundamentalen ökonomischen Kriterien auswählen. Wahrscheinlich würde es ihnen Tränen in die Augen drücken, wenn sie plötzlich die Allianz-Aktie leerverkaufen sollten, so wie dies gleich zu Beginn des Textes beispielhaft vorgemacht wird.
Der Leerverkauf wird im zweiten Kapitel indirekt über den Kauf einer K.O.-Option (oder Mini-Future) ausführlich beschrieben und dabei sehr gut erklärt. Die K.O.-Schwelle der Option entspricht grundsätzlich dem vorher ausgewählten Stopp. Solche Scheine laufen Eins zu Eins mit dem Basiswert mit. Weil sie aber viel weniger kosten, besitzen sie eine Hebelwirkung. Eingesetzt wird jeweils ein Prozent des Depotwertes. Das bedeutet jedoch, dass der Depotwert relativ hoch sein muss, denn sonst wird ein eventueller Profit leicht von den Gebühren aufgefressen. Insbesondere dann, wenn die eingefangene Marktbewegung nicht sehr groß ist.
Da dieses Büchlein sich nach eigenem Bekunden auch an Anfänger mit geringen Marktkenntnissen richtet, verblüffen die auf Seite 31 gezeigte Grafik und der entsprechende Text doch sehr. Hier wird Anfängern empfohlen gegen einen Trend zu handeln. Man muss kein Genie sein, um vorauszusagen, dass das wahrscheinlich in die Hose gehen wird. Solche Gegenbewegungen sind in der Regel nicht besonders ergiebig und besitzen darüber hinaus die Eigenschaft, sehr oft unvermittelt und heftig in die Trendrichtung zurückzuschnellen. Mit anderen Worten: Man braucht für diese Art des Handelns viel Erfahrung und noch mehr Disziplin.
Der Autor schlägt für solche Trades und andere leider etwas oberflächlich erklärte Handelssituationen folgende durchaus sinnvollen Methoden vor: Shorten an einer oberen Trendgerade, wenn diese wenigstens drei Kursauflagen hat, Shorten an der oberen Begrenzung eines definierten Trendkanals, Shorten beim Vorliegen von so genannten Stopperkerzen (Shooting Star, Doji, Hanging Man), das Shorten beim Erreichen von so genannten Trendalternationszielen, das Shorten von Trendwendemustern (zum Beispiel einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation) und das Shorten bei bestimmten Intermarketmustern.
Nachdem wir im dritten Kapitel noch einmal den Unterschied zwischen dem direkten Leerverkauf einer Aktie und dem indirekten Short-Selling über Derivate kennengelernt haben, erhalten wir anschließend von einem anderen Autor auf vier Seiten eine sehr allgemeine Anleitung zum erfolgreichen Trading. Dann, im fünften Kapitel, vermeldet uns Herr Weygand plötzlich, dass er nur in einem Abwärtstrend bereit ist, Short-Positionen einzugehen. Verwirrt blättert man zurück und sieht auf den Seiten 31 bis 37 lauter Aufwärtstrends, bei denen man die "kurzzeitige Überhitzung" für Leerverkäufe nutzen soll. Wenigstens mein Gedächtnis funktioniert also noch.
Warum der Autor ein die Sache scheinbar vereinfachendes Buch für einen breiten Leserkreis verfasst und dabei dann mit dem schwierigsten Fällen beginnt, die er auch noch anschließend für sich selbst ablehnt, ist mir rätselhaft. Da wir nun aber dem Trend folgen, wird im fünften Kapitel ganz klassisch erst einmal erläutert, was ein Trend ist. Danach lernen wir im sechsten Kapitel recht ausführlich, wie man einen Abwärtstrend traditionell handelt. Dabei werden nicht nur die Einstiegspunkte und mitlaufenden Stopps definiert, sondern auch Zielzonen für Gewinnmitnahmen berechnet. Dieses Kapitel ist der Kern des Buches. Mir hätte es besser gefallen, wenn der Autor um diese Ausführungen herum seinen ganzen Text aufgebaut hätte. So ist leider ein inkonsistentes Buch entstanden. Denn auch im sechsten Kapitel stoßen wir auf Widersprüche zu den ersten Kapiteln.
Die letzten beiden Abschnitte wurden von Marko Strehk geschrieben. Im siebten Kapitel geht es um das Short-Selling mittels Optionsscheinen und die entsprechende Auswahl solcher Vehikel. Abschließend wird relativ kurz und nach meiner Auffassung auch recht oberflächlich der Einsatz von Indikatoren beim Leerverkauf diskutiert.
Mir scheint, dass der gesamte Text aus vorhandenen Einzelbausteinen zusammengesetzt wurde. Leider hat sich aber offenbar niemand dafür interessiert, ob diese Bausteine auch ein vernünftiges Gebäude ergeben.
Fazit.
Hätte der Autor sein zentrales sechstes Kapitel ausgebaut und mit den vielen nützlichen Zusatzinformationen aus anderen Textstellen ergänzt, dann wäre dies ein viel besseres Buch geworden. Leider hat er das aber nicht getan. So ist ein etwas inkonsistentes und zum Teil widersprüchliches Werk entstanden. Wer sich für das Traden von Abwärtstrends interessiert, kann sich dieses schmale Büchlein dennoch kaufen, denn es enthält bei aller Kritik die klassische Handels-Variante und zahlreiche wertvolle Zusatzinformationen.