I. Wer sich als Pop-Künstler (nicht als B-Promi) darin üben will, in Talkshows elegant, gelassen, freundlich, geistreich, selbstreflexiv zu erscheinen, sollte sich diverse Auftritte von Neil Tennant im britischen und amerikanischen Fernsehen anschauen. Die Selbstinszenierung der PSB betrifft alle musikbegleitenden Marketingmaßnahmen (Cover, Kostüme, Brillen, Perücken, Bühnendesign, Choreographie, Bildästhetik ihrer Videos), nicht jedoch, wie sie sich als Personen geben. Vor einigen Jahren sah ich David Bowie in einer französischen Musiksendung, Damon Albarn war auch dabei. Bowie trank ein Glas stilles Wasser und schob dem kräftigen Schluck ein ostentatives "Aaaahh" bei. Es war die Zeit, als er für eine bestimmte, uns allen bekannte Wassermarke warb. Das war sozusagen die Verlängerung seines Daseins als Testimonial in der wolkigen Wirklichkeit des Fernsehens. Bowie degradierte sich selbst zu einer Karikatur als Dauerwerbefläche. Tennant/Lowe würden sich niemals auf Maskottcheniveau begeben. Das macht ihre Musik freilich nicht besser oder schlechter. Aber Haltung und Grundsätze sollten auch im Pop eine Rolle spielen. Auch wenn dieser gewiss nicht die wichtigste Hervorbringung unseres kulturellen Zeitalters ist.
II. Das Buch wird Menschen, die mit den PSB wenig anfangen können, kaum Genuss bereiten. Doch sollte unter dieser Gruppe jemand sein, der sich für angewandte Kunst, für Design und Gestaltung erwärmen kann, sollte trotzdem einen Blick riskieren. Es geht zwar immer auch um Songs, um Lyrics, um Aussagen, doch hier vor allem um die Frage, wie man Musik visuell und typografisch - mit dem festen Willen, keinen Zeitgenossen zu kopieren - mit Fotos, Farben, Symbolen und originellen Verpackungsmaterialien begleiten kann. Viele der Cover, Innenhüllen, CD-Artworks sind schlicht und ergreifend schön. Nicht nur Blickfänger, sondern auch Augenstörer (z. B. das orangegrelle "Very", oder der durchlöcherte Gummiüberzug des limitierten Albums "Very Relentless"), die einfallsreich und mit großem Geschmack - das gilt sogar schon für die Bildauswahl zum ersten Album "Please" - ausgeführt worden sind. Da das Buch, das selbstverständlich ebenfalls ein Designprodukt ist und höchsten Standards entspricht, nur die Veröffentlichungen bis "Battleship Potemkin" beinhaltet, kann man verschmerzen. Wobei gerade "Yes" mit seinem Bezug zu Gerhard Richters Werk für das Fenster im Kölner Dom das grafische Gesamtwerk von Mark Farrow, der für einen Großteil der Entwürfe seit frühesten Zeiten verantwortlich zeichnet, ideal abgerundet hätte. Eigentlich ist es ein Buch über die Arbeit von Mark Farrow.
III. Bereits die Singles zu "Opportunities" (ohne Fotos, was in den 80ern höchst selten vorkam im Pop-Business) und "Suburbia" zeigen, wie viel Wert das Duo einer visuellen Marke beigemessen hat. Im ausgiebigen Interview am Ende des Buches über Künstlichkeit, Präsentation und Mythenbildung erzählt Tennant, dass Morton Harket von A-ha "sagte, dass er nicht glaube, attraktiv zu sein, aber dass er wusste, wie er es imitieren konnte." Das würde auch auf die PSB passen.
IV. Eine achtseitige Chronologie in Mikroschrift beschreibt dem Nicht-Hardcore-Fan (die wissen eh alles und noch mehr) alle wichtigen und nicht so wichtigen Stationen der PSB, wie sie sich am 19. August 1981 begegnet sind, wer in welcher Sendung war, wo und mit wem welches Video gedreht wurde, ein paar kleinere Anekdoten, und danach hat man das Gefühl, die Karriere der beiden einigermaßen gut zu kennen. Wussten Sie, dass Chris Posaune in einer siebenköpfigen Tanzkapelle gespielt hat, die Oldies wie "La Bamba" und "Moon River" darbot? Oder dass Textzeilen aus "It`s a sin" in Alan Bennetts Stück "The History Boys" Verwendung fanden? Oder dass sie eine Cover-Version von "Fool on the Hill" verworfen haben? Dass "Tonight is forever" erst 2004 oberhalb eines Pubs live dargeboten wurde? Eine Begebenheit, die dort nicht steht: Dass praktisch alle Mitglieder des russischen Männerchors, der in "A Red Letter Day" zum Einsatz kam, von der Existenz der PSB nichts wussten und es ihnen auch schnurz war. Ob Bowie oder Bono das lustig gefunden hätten? Die PSB fanden es lustig. Man kann sich wichtig nehmen (sollte das auch), aber auch wissen, ab wann das Posing eventuell lächerlich sein könnte. Die beiden kennen diese Grenze.
V. Die Videos der Boys werden ebenfalls in bis zu 36 Film Stills gezeigt und kommentiert. Das wichtigste, weil merkwürdigste und subversivste Video ist jenes zu "Home and Dry", Wolfgang Tillmans Mäuseallerlei. Viele dieser Filmchen vor "Bilingual" vertrauen zu sehr auf visuelle Effekte, wirken zehn Jahre später dated. Dafür sind die Clips zu "Flamboyant" und "I`m with stupid" (letzteres ist hier nicht enthalten) kleine Meisterwerke. "Für mich ist der Massenmarkt ganz klar das interessanteste Spielfeld, da sich hier gesellschaftliche Veränderungen am sichtbarsten manifestieren. Sicherlich wurden früher viele Impulse von der Subkultur ausgesandt - doch die ist heute verschwunden. Es gibt heute keinen Underground mehr, sondern nur noch den Massenmarkt - und natürlich den gescheiterten Massenmarkt", verriet Tennant der Spex (Ausgabe 319). So sind auch die Videos Zeitgebilde, Betrachtungen von Coolness und Abgeklärtheit, von Stoizismus (Lowe) und Feingeistigkeit (Tennant). Besonders aktiv sind sie in ihren Videos nie, dafür gibt es mehr Nahaufnahmen als in jenen Clips, wo alle Welt zu tanzen und zu schunkeln scheint.
VI. Das Testbild-Cover von "Introspective" gefällt den beiden am wenigsten. Und Chris hasst es nach wie vor, ohne Baseballkappe und Sonnenbrille fotografiert zu werden. Er ist derjenige, der in vielen Videos immer ein paar Schritte zurück ist. Der fast nie singt, und wenn, dann verzerrt ("One of the crowd") oder im versteckten Anhang eines Songs ("Go west").
VII. Das Buch zeigt alles: Das LP- oder CD-Cover von vorne, die Rückseite, alternative Versionen oder Cover von limitierten Remixes, Fotos aus diversen Sessions, ein Gemälde der Porträtmalerin Alison Watts, das dann keine Verwendung fand, und bei jeder zweiten Produktion sind die grafischen Ideen mindestens hinreißend. Ob der in Warholmanier eingefärbte Penis auf dem Cover der Single "Before" (Promo) so geschmackssicher war, nun ja, Ausrutscher kann und darf es geben. Für einzelne Alben wurden sogar einzelne Schriftsätze neu erfunden, so bei "Nightlife", und die verwischten Gesichter der beiden haben offenbar keinen Bezug zu Francis Bacon, sonst wäre das sicher erwähnt worden. Zu jeder Veröffentlichung gibt es eine kleine Geschichte, wie es zu dem Design kam.
VIII. "Bei uns gibt es kein Design, nur weil ein Design benötigt wird. Es ist niemals nur eine Floskel." (Tennant)
IX. Auf der Single von "I get along" sehen wir eine Kuchengrafik. Auf der Vorderseite der 12"-Version von "Was it worth it" sehen wir zwei PSB-Figuren, die ein Fan angefertigt hat. Oder ihre Designer arbeiten mit Hologrammen ("Alternative"). Oder die aus meiner Sicht absolute Meisterleistung für "Miracles", die Silhouetten mit Kirschblüten, die Promo-Edition war mit Lavendel parfürmiert. Oder die aufwändigen Weihnachtskarten für Fans (die silbrige Blasenfolie). Oder das absichtsvoll billigkopiert gestaltete Fanzine "Literally". Man erkennt: Hier werden Dutzende Strömungen verarbeitet und weiter gedacht, hier werden Impulse gegeben, die abgestrahlt haben auf andere Gestalter, ob sie jetzt Bücher verschönern wollen oder Festivals bewerben.
X. Jetzt verstehe ich ein wenig besser, was bestimmte Leute dazu treibt, bestimmte Singles der PSB zu kaufen, zum Beispiel Japan-Versionen oder die abgelebte Taube auf dem Cover zu "London" (nur in Deutschland erschienen), obwohl diese lediglich Remixe, aber keine B-Seiten enthalten. Wer die PSB 25 Jahre lang begleitet, hat auch etwas über Design, über Ästhetik, über Schrifttypen und Visual Culture gelernt.
XI. Zaha Hadids Rundungen für die Nightlife-Tour. Fünfzig nasse Regenschirme, die nie zum Einsatz kamen. So zu tun, als sei man Tourist und aus Scham weiter in die falsche Richtung laufen. Handtaschen von Issey Miyake als Hüte (siehe auch die Lyrics von "Flamboyant"). Pergamentpapier. Schultze und Schulze machen "Performance". Eine fotografierte Zwangsjacke wird zur Struktur. Das Andersgelb von "Se a vida é". Angeklebte Augenbrauen, Echthaar. "Neil ist gelangweilt und gähnt, und Chris sieht ziemlich stinkig aus." American Stickers mit kommunistischem Unterton.