"Kaum zu glauben, dass anno 2007 noch so etwas gedreht wird: "Shoot 'Em Up" ist eine unkomplizierte, temporeiche und ziemlich harte Ballerorgie deluxe.
Es geht direkt in medias res: Mr. Smith (Clive Owen) hockt an einer Bushaltestelle und mümmelt an einer Möhre als eine schwangere Frau vorbeiläuft und von finsteren Typen in eine Lagerhalle verfolgt wird. Smith rennt nach und verwickelt die in Scharen auftauchen Bösewichte direkt in ein ziemlich langes Feuergefecht, entbindet nebenher das Baby und lernt den Anführer der Fieslinge, Mr. Hertz (Paul Giamatti) kennen. Und zu diesem Zeitpunkt sind noch keine 10 Filmminuten vergangen.
Leider überlebt die Mutter den bleihaltigen Fluchtversuch nicht und der zur bewaffneten Nanny gewordene Smith steht mit dem Kind alleine da. Erst will er das Kind aussetzen, doch er merkt, dass die Killer auch das Baby umbringen wollen - und jeden, der sich ihm nähert. Denn ganz klassisch ist Mr. Smith der eiskalte, zynische und wütende Actionheld, der vom Leben enttäuscht, aber unter dessen harter Schale noch ein ehrbarer Kerl mit Prinzipien steckt.
Mit Hilfe einer Bekannten, der Prostituierten Donna Quintano (Monica Belluci), deren Brüste voller Muttermilch stecken, will Smith das Baby in Sicherheit bringen. Doch die Verfolger sind unnachgiebig und Smith kennt noch nicht mal ihr Motiv...
In Zeiten, in denen selbst eher einfache Actionthriller wie "Shooter" auf zwei Stunden gestreckt werden, ist "Shoot 'Em Up" eine willkommene Abwechslung, knapp 90 Minuten vollgeproppt mit Action. Da ist es dann eher ein Bonus, dass die Hintergrundgeschichte stimmig erdacht ist und nicht von Anfang an vorhersehbar, denn Regisseur Michael Davis tritt hier von Anfang an aufs Gaspedal und stoppt keine Sekunde. Die Geschichte wird allein durch den unheimlichen Drive kurzweilig, ist aber mehr der Kitt, der die Actionszenen zusammenhält.
Selbige sind total over the top, Smith duelliert sich springend, schlitternd, ja selbst beim Fallschirmsprung oder beim Abseilen mit seinen Gegnern, von denen er stets Unmengen über den Haufen schießt, fast jeder Schuss ein Treffer. Dabei werden die Schießprügel auf ungewöhnliche Art eingesetzt, um Karussells anzuschieben, Schubladen auszufahren usw. Auch bei einer Verfolgungsjagd fährt Smiths Vehikel nach einem Überschlag weiter und wenn er sich bei einem Crash aus dem Wagen schleudern lässt, dann direkt in den Van seiner Gegner, um dort aufzuräumen. Der Härtegrad ist hoch, blutige Einschüsse und abgetrennte Körperteile sind an der Tagesordnung und untermalt werden die Schießereien mit Rockmusik von Bands wie AC/DC, Wolfmother oder My Chemical Romance, sodass "Shoot 'Em Up" fast schon wie Ballermusical rüberkommt. Klares Highlight sicherlich die Schießerei zu Motörheads "Ace of Spades", das im Trailer verwendet "Kickstart my Heart" von Mötley Crüe kommt leider nur im Abspann.
Die ausgefallenen Actionchoreographien sind dabei schlicht und einfach fantastisch, angesichts dieser Überbietungen enttäuscht dann nur der in kleinem Rahmen gehaltene Showdown ein wenig - trotz netter Hommage an "Django". Derartige Zitate finden sich häufig in "Shoot 'Em Up", von dem Michael Davis sagt, dass ihn die Ansicht von John Woos "Hard Boiled" zum Dreh dieses Films inspiriert hätte. Weitere Verweise umfassen "The Big Hit", "Harte Ziele", "Für eine Handvoll Dollar" und natürlich "Hard Boiled" selbst.
Begleitet wird der Schießereimarathon von diversen schwarzhumorigen Gags, vor allem die zynischen Sprüche von Mr. Hertz sind stets Brüller, aber auch das aggressive Verhalten von Mr. Smith, der gerne auch mal Verkehrssünder von der Straße drängt, sorgt für Amüsement. Gelegentlich wollen die Gags mal nicht zünden, gerade die Witze um Sex und Donnas Arbeit sind doch ein wenig flach und infantil, aber derer gibt es zum Glück nicht viele. Stattdessen darf man sich über Baby in kugelsicheren Westen und ähnliche Dinge freuen und pathetische Reden werden gerne mal via Kopfschuss unterbrochen. Inmitten des comichaften Treibens versucht "Shoot 'Em Up" dann mal an der Oberfläche zu kratzen, wenn er auf traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit von Smith und Donna eingeht, was nicht wirklich Tiefgang schafft, dem Spektakel aber doch einen noch sympathischeren Anstrich verschafft.
Clive Owen gibt den stets Möhren kauenden Shoot-Out-Survivor mit viel Charisma, ähnlich angelegt wie seine "Sin City"-Rolle, und überzeugt auf ganzer Linie. Ähnlich toll ist Paul Giamatti in der ungewohnt bösen Killerrolle, auch Monica Belluci schlägt sich ordentlich. Der Rest vom Fest hat wenig zu vermelden und wird meist nach kurzer Screentime eh direkt weggeballert.
"Shoot 'Em Up" ist ein comichafter, sehr witziger und brachialer Actionkracher, der nur aufs Gas tritt und meist gelungene Gags an hochklassige Actionszenen in hoher Frequenz reiht. Nicht jeder Gag zündet, der Showdown ist angesichts des zuvor Gebotenen eine kleine Enttäuschung, aber ein famoses Actionhighlight ist hier definitiv gelungen.
--- Nils Bothmann (McClane)"
Trash im Film ist die allerfeinste Sache der Welt - wenn er konsequent durchgezogen ist. Regisseur Michael Davis gelingt das in diesem Actionfilm meisterlich: Seine Hauptfigur ist ein mysteriöser, permanent an Mohrrüben knabbernder Typ namens Mr Smith (Clive Owen), der als eine Mischung aus James Bond, Superheld und Comicfigur ganze Heerscharen von Schurken abknallt. Warum er das tut? Um ein Baby zu retten, das er einer Hure (Monica Bellucci) übergibt, die er dann auch schützen muss, bis er vor einem von seiner Frau geplagten Oberkiller (Paul Giamatti) fliehen muss. Doch eigentlich ist die Handlung von "Shoot 'em up" unwichtig - hier geht es nicht um einen raffiniert entwickelten Plot, hier geht es um Bewegung, um Schnelligkeit, um Kraft. Geschossen wird überall, in einer Lagerhalle, auf einem Spielplatz, beim Fallschirmspringen, beim Sex. Dass die Effekte des Films allerhöchstens zweitklassig sind und alle physikalischen Gesetze aufgehoben werden, ergänzt den trashigen Charme des Ganzen um eine weitere Ebene. So funktionieren schlussendlich auch Szenen wie diese: Mr Smith springt samt Baby im Arm von einer Brücke auf ein Auto, zerschießt im Fallen das Plexiglasdach des Vehikels und landet zielgenau im Fahrersitz. Das ist unlogisch, das ist plemplem. Das macht Spaß. (jul)Features: