"Shoah" (das jüdische Wort für Holocaust) von Claude Lanzmann ist ein filmisches Meisterwerk, für das er 13 internationale Preise gewann (siehe IMDB.com).
Lanzmann wurde 1925 in Frankreich geboren. Im zweiten Weltkrieg kämpfte er als Mitglied der Résistance, studierte nach dem Krieg Philosophie in Tübingen und arbeitete an der Freien Universität Berlin. In den 50er Jahren zählte er zum engen Freundeskreis von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.
Lanzmann selber sagt über sein Werk: "Shoah" ist ein Film, der nicht altert. Er hat kein Alter. Obwohl er zwischen 1973 und 1985 entstanden ist. [Quelle: F.A.Z., 28.11.2007].
Der Film dauert neuneinhalb Stunden, unterteilt in 123 Abschnitte, ausgewählt aus 350 Stunden Aufnahmen, die er in den 12 Jahren Recherche zusammen getragen hat. Lanzmann besucht seine Zeugen in Polen, in der Schweiz, in Israel, auf Korfu, in den USA und in Deutschland. Er stellt ihnen Fragen, aber er wertet nicht. Er erklärt auch nichts; er lässt sie sprechen. Er besucht die Stätten der Vernichtung in Treblinka, Chelmno, Sobibor, Auschwitz sowie das Warschauer Ghetto und redet mit der Bevölkerung vor Ort über ihre Erinnerungen.
Es gibt 4 Discs, wobei die mir vorliegende niederländische Fassung leider kein Booklet hat. So musste ich den Film unterbrechen und in das Inhaltsverzeichnis auf der DVD schauen, wenn ich mich orientieren wollte. 32 Zeitzeugen sind auf der DVD namentlich erwähnt. (Eine Liste dieser Personen findet sich beispielsweise auf der Internetseite des Fritz Bauer Instituts. Da sind zwei Vornamen anders angegeben als auf der DVD, ansonsten stimmt die Liste mit den Angaben auf der DVD überein).
Lanzmann ist es gelungen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und sie sprechen offen mit ihm. Überlebende aus den Lagern erzählen von dem Grauen, das sie erleben mussten. Lanzmann drängt sie dazu, er insistiert mit seinen Fragen, dass sie sich in die Situation von damals versetzen.
Auch SS-Unterscharführer Franz Suchomel spricht von seinen furchtbaren Erlebnissen in Treblinka, wo er ab August 1942 Wächter war. Die Zusicherung Lanzmanns, dass er anonym bleiben würde, wird mit der Einblendung des Namens gleich unterlaufen. Auch die Aufnahmen aus dem Inneren des Abhörwagens bleiben ebenso unkommentiert wie die so entstehenden Filme mit der versteckten Kamera. Der Zuschauer muss selber Vermutungen anstellen und seine Schlussfolgerungen daraus ziehen.
Wir als Zuschauer sind bei den Gesprächen dabei, stehen daneben und hören den Menschen zu. Die Kameraführung unterstreicht das Miterleben und die Nähe zu diesen Zeitzeugen. Wenn sie auf etwas deuten, dann schwenkt die Kamera in diese Richtung, als würden wir dorthin schauen. Auch wenn wir jemandem gegenübersitzen, der von seinem Leben berichtet, geht der Blick mal nach rechts oder links, geradeso wie bei einer echten Unterhaltung, bei der wir keineswegs unentwegt auf unseren Gesprächspartner schauen. Wenn die Menschen in einer Sprache sprechen, die von den Dolmetscherinnen übersetzt werden muss, konzentrieren wir uns auf ihre Stimmlage, Gestik und Mimik. Alle Informationen mit den Untertiteln zusammen ergeben dann ein Bild.
Dann sind da noch die Aufnahmen der Züge, fahrend, auf den Gleisen stehend. Die Transporte sind allgegenwärtig und mal haben wir die Außenperspektive und sehen sie vorbei ziehen, mal sind wir selber darin. Ziel: Auschwitz Birkenau
Der Film besticht durch die Qualität der Informationen, die man dort erfährt. Keine Archivaufnahmen, nur die Aussagen der Zeugen und die allmählich verschwindenden Überreste der Vernichtungslager. Claude Lanzmann selber wertet nicht und überlässt somit den Zuschauern die Freiheit, selber zu entscheiden, was man bei "Shoah" erfährt.