Nachdem ich die Untertitel dieses 1985 veröffentlichten Films bereits vor langen Jahren als Buchveröffentlichung gelesen hatte, sah ich mir jetzt den noch viel wichtigeren ca. 9-stündigen Film Lanzmanns an. In ihm hat der französische Regisseur in während nahezu einem Jahrzehnt durchgeführten Interviews mit Tätern und Opfern des Holocaust und parallel eingeblendeten Szenen der Orte des umfassenden Verbrechens einen sehr wichtigen Beitrag zum Erinnern geleistet.
Er beginnt mit dem erinnernden Gesang des gealterten Simon Srebnik, jenes vormals 13-jährigen Jungen, der gezwungen wurde, der Verscharrung seiner in den LKW vergasten Eltern in Chelmno zuzusehen und bei der weiteren „Abwicklung“ dieser Todesmaschinerie mitzuhelfen. Franz Suchomel, SS-Unterscharführer, berichtet – heimlich gefilmt - ausführlich über die Geschehnisse in Treblinka. Joseph Oberhauser, heute Gastwirt, war ebenfalls verstrickt in die Ermordung unzähliger Juden, Lanzmann sucht ihn in seiner Gaststätte auf und konfrontiert ihn mit Bildern seiner SS-Kameraden, immer streng die Kamera auf sein Gesicht gerichtet. Raul Hilberg, der am umfassendsten über „die Vernichtung der europäischen Juden“ geforscht hat, erläutert an konkreten kleinen Dokumenten wie etwa einem Fahrplan der Reichsbahn, wie minutiös und penibel alles durchgeplant - und mit dem jüdischen Vermögen auch finanziert war bei den Deportationszügen in die KZ’s. Die Montage der Szenen und Interviews ist dabei sehr geschickt gelungen, Lanzmann bleibt an den jeweiligen Orten, bildet sie beispielsweise im Winter ab, um die Kälte nachzuempfinden, die die bereits entkleideten Frauen beim Warten vor der Gaskammer erleiden mussten, und lässt verschiedene Zeugen nacheinander ihre jeweilige Geschichte zu diesem Ort erzählen. Er beharrt dabei immer wieder in drängenden Nachfragen auf dem möglichst genauen Schildern der Wahrheit, in dem Bewusstsein, dass es diese Augenzeugen nur noch kurze Zeit geben wird, bevor mit ihrem Tod die Erinnerung an den Holocaust verloren gehen könnte.
Ein unvergleichliches Zeitzeugnis ist auf diese Weise entstanden, dass jedem anzusehen empfohlen ist, und für welches Lanzmann vielfach ausgezeichnet wurde.
Hier noch die Liste der Interviewten: Simon Srebnik (Überlebender der zweiten Vernichtungsphase von Chelmno); Mordechai Podchlebnik (Überlebender der ersten Vernichtungsphase von Chelmno); Hanna Zaidl (Tochter von Motke Zaidl); Motke Zaidl (Überlebender von Wilna); Itzhak Dugin (Überlebender von Wilna); Jan Piwonski (Einwohner von Sobibor, Hilfsweichensteller); Richard Glazer (Überlebender von Treblinka); Paula Biren (Überlebende von Auschwitz); Pana Pietyra (Einwohnerin von Auschwitz); Pan Filipowicz (Bewohner von Wlodowa. Zeuge der Deportation der Juden von Wlodowa); Pan Falborski (Einwohner von Kolo); Abraham Bomba (Friseur in der Gaskammer von Treblinka); Czeslaw Borowi (Polnischer Bauer); Henrik Gawkowski (Polnischer Lokführer); Rudolf Vrba (Mitglied der Widerstandsbewegung); Inge Deutschkron (Lebte während des ganzen Krieges in Verstecken in Berlin); Franz Suchomel (SS-Unterscharführer; ab August 1942 Wächter in Treblinka); Filip Müller (Überlebender der fünf Liquidierungen des Sonderkommandos von Auschwitz); Joseph Oberhauser (Fahrer von Globocznik, des Leiters der Aktion Reinhard); Alfred Spiess (Oberstaatsanwalt, Vertreter der Anklage in beiden Treblinka-Prozessen); Raul Hilberg (Historiker, USA); Franz Schalling (Mitglied der Schutzpolizei, Chelmno - "Schloßkommando"); Martha Michelsohn (Ehefrau des Nazi-Lehrers von Chelmno); Moshe Mordo (Überlebender von Auschwitz); Armando Aaron (Vorstehender d jüd. Gemeinde von Korfu; Überlebender von Auschwitz); Walter Stier (Generaldirektion der Ostbahn/Deutsche Reichsbahn in Krakau; Gedob in Warschau); Ruth Elias (Überlebende des tschechischen Familienlagers in Auschwitz); Jan Karski (Ehemaliger Kurier der polnischen Exilregierung); Franz Grassler (Stellvertreter des Nazi-Kommissars Auerswald für das Warschauer Ghetto); Gertrude Schneider (mit ihrer Mutter. Überlebende des Warschauer Ghettos); Itzhak Zuckermann (Überlebender des Warschauer Ghettos, 2. Befehlshaber der jüdischen Kampforganisation); Simha Rottem (Überlebender des Warschauer Ghettos, Mitglied der JKO). (17.02.06)