Kurzbeschreibung
Klappentext
Der Todesschrei ihrer Mutter Faith klingt Abby Chastain noch immer in den Ohren, auch wenn es schon zwanzig Jahre her ist, seit diese aus dem Fenster ihres Zimmers in den Tod sprang. Ihre düsteren Erinnerungen erhalten neue Nahrung, als eine unheimliche Mordserie New Orleans erschüttert. Denn alle Morde stehen in einer seltsamen Verbindung zu jener Nervenheilanstalt, in der Abbys Mutter ihrem Leben ein Ende setzte ...
Über den Autor
Auszug aus Shiver. Meine Rache wird euch treffen von Lisa Jackson, Elisabeth Hartmann. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Krankenhaus Our Lady of Virtues
In der Nähe von New Orleans in Louisiana
Sie spürte seinen Atem.
Warm.
Verführerisch.
Auf erotische Weise böse.
Eine Präsenz, dass sich ihr die Nackenhaare sträubten, dass ihre Haut kribbelte, dass ihr auf dem Rücken der Schweiß austrat.
Ihr Herz pochte heftig. Kaum fähig, sich zu rühren, stand sie im Dunkeln, spähte verzweifelt in die fi nsteren Zimmerecken.
Durchs offene Fenster hörte sie das Froschkonzert in den nahen Sümpfen und das Rumpeln eines Güterzugs auf weit entfernten Schienen.
Aber hier und jetzt war er bei ihr.
Geh weg, wollte sie sagen, hielt jedoch den Mund und hoffte wider besseres Wissen, dass er sie nicht am Fenster stehen sah. Auf der anderen Seite der Scheiben warfen Sicherheitsleuchten blasses, bläuliches Licht über das Grundstück, und zu spät bemerkte sie, dass ihr Körper, nur von einem durchsichtigen Nachthemd verhüllt, vom gespenstischen Schein der Leuchten umrissen wurde.
Natürlich konnte er sie sehen, sie in der Dunkelheit finden.
Er fand sie immer.
Ihr Mund war trocken. Sie trat einen Schritt zurück und stützte sich Halt suchend mit einer Hand am Fensterrahmen ab. Vielleicht hatte sie sich seine Anwesenheit nur eingebildet.
Vielleicht hatte sie doch gar nicht gehört, dass sich die Tür öffnete. Vielleicht war sie zu hastig aus einem von Tabletten herbeigeführten Schlaf erwacht. Schließlich war es noch nicht spät, erst acht Uhr abends.
Vielleicht war sie in diesem Zimmer, in ihrem Zimmer in der zweiten Etage, in Sicherheit.
Vielleicht.
Sie tastete nach der Nachttischlampe. Dann vernahm sie das leise Scharren von Leder auf Holzdielen.
Der Schrei erstickte in ihrer Kehle.
Nachdem sich ihre Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, betrachtete sie das Bett mit den zerwühlten Laken, dem Zeugnis ihres unruhigen Schlafs. Auf dem Frisiertisch standen eine Lampe und ein Doppelrahmen mit kleinen Porträtfotos ihrer beiden Töchter. Auf der anderen Seite des kleinen Zimmers befand sich ein Kamin. Sie konnte die dekorativen Kacheln und den Rost erkennen und über dem Sims eine leere, inzwischen verblichene Stelle, an der einst ein Spiegel gehangen hatte.
Wo also war er? Sie warf einen Blick in Richtung der hohen Fenster. Es war ein heißer, drückender Oktoberabend, und draußen war es schon fast dunkel. In den Scheiben sah sie ihr blasses Spiegelbild: zierlich und feingliedrig der Körperbau, traurige goldene Augen, hohe Wangenknochen, das üppige kastanienbraune Haar aus dem Gesicht gekämmt. Und hinter ihr War da ein Schatten, der sich näher heranschlich?
Oder bildete sie es sich nur ein?
Das war das Problem. Manchmal bildete sie sich Dinge ein.
Doch er war tatsächlich immer in der Nähe. Immer. Sie konnte ihn spüren, seine leisen, zielstrebigen Schritte im Flur hören, seinen Geruch wahrnehmen eine Mischung aus männlichem Moschus und Schweiß. Und wenn er vorüberging, konnte sie einen Blick auf seinen huschenden Schatten erhaschen.
Es war ihr nicht möglich, ihm zu entkommen. Niemals.
Nicht einmal in der Tiefe der Nacht. Es bereitete ihm höchste Befriedigung, sie zu überraschen, sich anzuschleichen, wenn sie am Schreibtisch saß, sich von hinten über sie zu beugen, wenn sie vor ihrem Bett kniete. Er war jederzeit bereit, sein Gesicht an ihren Nacken zu schmiegen, von hinten an ihre Brust zu greifen, sie zu erregen, obwohl sie ihn verabscheute, sie fest an sich zu ziehen, so dass sie seine Erektion in ihrem Rücken spürte. Sie war nicht sicher vor ihm, wenn sie unter der Dusche stand, und auch nicht, wenn sie unter der Decke in ihrem schmalen Bett schlief.
Welche Ironie des Schicksals, dass man sie hier untergebracht hatte zu ihrer eigenen Sicherheit.
»Geh weg«, flüsterte sie. Ihr Kopf dröhnte, sie vermochte keinen klaren Gedanken zu fassen. »Lass mich in Ruhe!«
Sie blinzelte, bemüht, deutlicher zu sehen.
Wo war er?
Nervös richtete sie den Blick auf das einzig mögliche Versteck, den Schrank. Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Die Holztür stand einen Spaltbreit offen, nur ganz wenig, gerade genug, dass jemand von innen durch die Ritze spähen konnte.
Aus dem sichtbaren Streifen Dunkelheit im Schrank schien etwas zu schimmern. Eine Spiegelung. Augen? O Gott.
Vielleicht war er dort drinnen. Und wartete.
Eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper. Sie sollte jemanden rufen! Doch wenn sie das tat, wurde sie ruhig gestellt, sediert oder noch etwas Schlimmeres. Hör auf, Faith. Überlass dich nicht diesem Verfolgungswahn! Doch die glitzernden Augen im Schrank beobachteten sie. Sie spürte den Blick. Sie schlang einen Arm um ihre Körpermitte, legte den anderen darüber und kratzte mit den Fingernägeln die Haut an ihren Ellbogen auf.
Kratz, kratz, kratz.
Aber vielleicht war alles nur ein böser Traum. Ein Albtraum.
Hatten die Schwestern ihr das nicht in sanftem Flüsterton versichert, während sie zärtlich ihre Hände tätschelten und sie aus mitleidigen, ungläubigen Augen ansahen? Ein hässlicher Traum. Ja! Ein Albtraum von ungeahntem, tief gehendem Ausmaß. Selbst die Krankenschwester war einer Meinung mit den Nonnen gewesen und hatte beteuert, das, was sie glaubte, gesehen zu haben, sei nicht wirklich da gewesen.
Und der Arzt, kalt, aseptisch, mit dem Mitgefühl eines steinernen Affen, hatte mit ihr geredet wie mit einem dummen kleinen Kind.
»Aber, aber, Faith, niemand verfolgt Sie«, hatte er gesagt und ein schmales, herablassendes Lächeln aufgesetzt. »Niemand beobachtet Sie. Das wissen Sie doch. Sie sind Sie sind nur ein wenig durcheinander. Hier sind Sie in Sicherheit. Vergessen Sie nicht, hier sind Sie jetzt zuhause.«
Tränen brannten in ihren Augen, und sie kratzte noch heftiger.
Ihre kurzen Fingernägel schabten über die Haut des Unterarms, stießen auf alte Verkrustungen. Zuhause? In diesem monströsen Gebäude? Sie schloss die Augen und hielt sich am Kopfende des Bettes fest.
War sie wirklich so krank, wie alle behaupteten? Sah sie tatsächlich Menschen, wo gar keine waren? Das hatten sie ihr vorgehalten, immer und immer wieder, bis zu dem Punkt, an dem sie selbst nicht mehr genau wusste, was real war und was nicht. Vielleicht handelte es sich um eine Verschwörung gegen sie, die sie glauben machen sollte, dass sie wirklich so verrückt war, wie sie sagten.
Sie hörte einen Schritt und hob hastig den Kopf.
Die feinen Härchen auf ihren Unterarmen richteten sich auf.
Sie begann zu zittern, als sie sah, wie sich die Tür noch etwas weiter öffnete.
»Himmel!« Bebend wich sie zurück, den Türspalt fest im Visier. Sie kratzte sich wie verrückt am Unterarm. Wie in Zeitlupe bewegte sich leise knarrend die Tür. »Geh weg!«, flüsterte sie. Ihr Magen krampfte sich zusammen, das Grauen fi el mit aller Macht über sie her.
Eine Waffe! Du brauchst eine Waffe!
Voller Angst blickte sie sich in dem halbdunklen Raum mit dem am Boden festgeschraubten Bett um.
Dein Brieföffner! Schnell!
Sie machte einen Schritt auf ihren Schreibtisch zu und erinnerte sich dann erst, dass Schwester Madeline ihr den Brieföffner weggenommen hatte.
Die Lampe auf dem Nachttisch!
Aber auch die war festgeschraubt.
Sie betätigte den Schalter.
Kein Licht.
Verzweifelt drückte sie den Schalter noch einmal. Immer wieder.
Klick! Klick! Klick! Klick!
Sie hob den Blick, und da sah sie ihn. Einen großen Mann, der sich bedrohlich vor der Tür zum Flur aufbaute. Es war zu dunkel, als dass sie seine Gesichtszüge hätte erkennen können, doch sie wusste, dass er sein boshaftes Lächeln aufgesetzt hatte und in seinen Augen ein niederträchtiges Begehren funkelte.
Er war Satan höchstpersönlich. Und vor ihm gab es kein Entrinnen. Niemals.
»Bitte nicht«, flehte sie. Ihre Stimme klang erbärmlich und schwach. Mit zitternden Knien wich sie zurück. »Bitte nicht was?«
Rühr mich nicht an - lass deine Finger von meinem Körper - sag mir nicht, dass ich schön bin - küss mich nicht!
»Geh«, verlangte sie eindringlich. Lieber Gott, gab es denn keine Waffe, nichts, was ihn aufhalten konnte?
»Und wenn ich nicht gehe?«
»Dann schreie ich und rufe die Wärter.«
»Die Wärter«, wiederholte er mit leiser, amüsierter, beinahe hypnotischer Stimme. »Hier?« Er schnalzte mit der Zunge, als wäre sie ein ungehorsames Kind. »Das hast du früher auch schon versucht.«
Sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass sie sich vergebens wehrte. Sie würde sich ihm wieder unterwerfen.
Wie immer.
»Haben die Wärter dir beim letzten Mal geglaubt?«
Natürlich nicht. Warum sollten sie? Die beiden mageren, pickligen Jungen hatten kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie sie für verrückt hielten, obwohl sie sich wissenschaftlicher Bezeichnungen bedienten: Wahnvorstellungen - Paranoia - Schizophrenie.
Oder hatten sie überhaupt nichts gesagt? Vielleicht nicht.
Vielleicht hatten sie sie nur aus ihren mitleidigen und doch hungrigen Augen angestarrt. Hatte einer von den beiden nicht gesagt, er fände sie sexy? Und der andere hatte ihre Gesäßbacken umfasst oder, oder war das alles nur ein grauenhafter, lebensechter Albtraum gewesen?
Kratz, kratz, kratz. Sie spürte, wie ihre Nägel die Haut ritzten.
Sie fühlte sich maßlos gedemütigt. Schritt für Schritt wich sie zurück, fort von ihrem Peiniger. Was mit ihr geschah, war ihre eigene Schuld. Irgendwie hatte sie gesündigt, hatte dieses Grauen selbst heraufbeschworen. Sie war diejenige, die schlecht war. Sie hatte Gottes Zorn geweckt. Sie allein konnte es wiedergutmachen. »Geh weg«, flüsterte sie und kratzte ihren Arm immer wilder.
»Faith, lass es«, warnte er mit grausig beschwichtigender Stimme. »Du änderst nichts, indem du dich selbst verletzt. Ich bin hier, um dir zu helfen. Das weißt du doch.«
Um ihr zu helfen? Nein, nein, nein, nein!
Sie wäre am liebsten zu Boden gesunken, um ihre Schuld zu bekennen, sich vor dem Jucken zu retten.
Kämpfe!, befahl ihr eine innere Stimme. Lass dich von ihm nicht zu Dingen zwingen, die nicht recht sind, wie du wohl weißt! Du hast deinen eigenen Willen. Du kannst dir das von ihm einfach nicht antun lassen.
Aber es war schon zu spät.
Er war ihr jetzt ganz nahe, schnalzte wieder mit der Zunge, und sie sah, wie sie spitz und feucht über seine Zähne fuhr.
In heiserem Flüsterton sagte er: »O Faith, ich glaube, du warst wieder ein böses Mädchen.«
»Nein!« Sie wimmerte. Da war sie wieder, diese grauenhafte Erregung, die sich in ihr aufbaute.
»Faith, weißt du denn nicht, dass Lügen eine Sünde ist?«
Sie blickte auf die Wand, an der ein Kruzifix hing. Bewegte sich der Gekreuzigte? Sie blinzelte, bildete sich ein, Jesus sähe sie im Halbdunkel an, mit freundlichem, aber doch missbilligendem Blick.
Nein, Faith. Das kann nicht sein. Reiß dich um Himmels willen zusammen.
Es ist nur ein Schnitzwerk, mehr nicht.
Schwer atmend ließ sie den Blick von Jesu zerquältem Gesicht zum Kamin schweifen kalt, frei von Asche und ohne den Spiegel, stattdessen ein leeres Rechteck, dessen Umriss sich noch von der Rosenmustertapete abhob. Sie sagten, sie habe den Spiegel in einem Wutanfall zerbrochen und sich mit den Scherben verletzt. Der Anblick ihres Spiegelbilds habe sie in Panik versetzt.
Aber in Wirklichkeit hatte er es getan, oder? Dieser Teufel, dessen einziges Ziel es war, sie zu quälen. Hatte sie die Tat nicht selbst bezeugt? Sie hatte versucht, sich ihm zu verweigern, und er hatte die Faust in den Spiegel gestoßen. Scherben stoben daraufhin in alle Richtungen, trafen sie und regneten dann wie glitzernde, tödliche Messer zu Boden.
So war es gewesen.
Nicht wahr?
Oder nicht? Sie spürte Blut unter den Nägeln und war sich nicht sicher.
Was geschieht mit mir?
Sie starrte auf ihre blutigen Hände. Ihre Fingernägel, vormals hübsch manikürt und lackiert, waren eingerissen, die Handflächen zerkratzt, und weiter oben, an den Handgelenken, verheilten tiefe Schnittwunden. Hatte sie selbst sich das angetan? Vor ihrem inneren Auge sah sie Spiegelscherben in ihren Händen und Blut von ihren Fingern tropfen.
Weil du ihn umbringen wolltest, versucht hast, dich zu verteidigen!
Sie schloss die Augen und stieß ein lang gezogenes, wimmerndes Klagen aus. Es stimmte. Oder etwa nicht? Sie wusste nicht mehr, was sie glauben sollte. Wahrheit und Lüge flossen ineinander, Tatsachen und Fiktion vermischten sich, ihr Leben, einstmals so gewöhnlich, so vorhersehbar, war zerrissen. In Fetzen. Von ihrer eigenen Hand. Sie tastete sich rückwärts näher ans Fenster, fort von ihm, von der Versuchung, der Sünde.
Wo war ihr Mann, wo waren ihre Kinder, was war aus ihren Mädchen geworden?
Entsetzen fraß sich tief in ihre Seele. Verwirrt und von Panik erfüllt blinzelte sie ein paarmal und versuchte nachzudenken.
Sie waren in Sicherheit. Sie mussten in Sicherheit sein.
Konzentrier dich, Faith. Reiß dich zusammen! Zoey und Abby sind bei Jacques. Sie kommen heute Abend zu Besuch, hast du das vergessen? Heute ist dein Geburtstag.
Oder stimmte das nicht? War alles gelogen? Lauter makabre Trugbilder ihrer Fantasie?
Sie trat noch einen Schritt zurück.
»Du bist ganz durcheinander, Faith, aber ich kann dir helfen«, sagte er ruhig, als wäre nie etwas zwischen ihnen vorgefallen, als wäre alles, was sie heraufbeschworen hatte, nur in ihrer Einbildung vorhanden, als hätte er sie nie angerührt.
Lieber Gott, wie verrückt war sie wirklich?
Sie wirbelte herum und ihr Zeh blieb an einer Teppichkante hängen. Sie taumelte nach vorn, sah wieder ihr Spiegelbild im Fensterglas und dieses Mal auch ihn, wie er vorwärts stürmte, und dann spürte sie seine Hände.
»Nein!«, schrie sie und stürzte.
Glas splitterte.
Stob auseinander, als ihre Schulter auf die Scheibe prallte.
Das Fenster brach, zerfiel in Scherben. Gab nach.
Mit lautem metallischen Ächzen befreite sich das schmiedeeiserne Gitter von den Riegeln.
Sie schrie und ruderte wild mit den Armen, versuchte, die Fensterbank, das filigrane Gitterwerk, das nur noch an einer Schraube hing, die Backsteinmauer, irgendetwas zu greifen.
Doch es war zu spät. Ihr Körper flog durch die zerbrochene Scheibe, Glas- und Holzsplitter ritzten ihr in die Arme, zerrissen ihr Nachthemd, schlitzten ihre bloßen Beine auf.
Im Bruchteil einer Sekunde wusste sie, dass alles vorüber war. Sie würde keine Schmerzen mehr empfinden.
Faith Chastain schloss die Augen und stürzte in die schwarze Nacht von Louisiana.