Auch wenn im ersten Kapitel ausschließlich Männer vorkommen, sollte man sich davon nicht täuschen lassen. „Shirley“ ist ein Frauenroman und zwar einer von der besten Sorte. Charlotte Bronte versteht es ausgezeichnet, die Situation der Frauen in der damaligen –zweifellos von männlichen Vorstellungen geprägte Welt- darzustellen.
So lernen wir erst einmal die große Liebe der sanftmütigen Caroline kennen: Mr. Moore, ein Unternehmer mit französischem Blut, der die Gemüter seiner englischen Arbeiter und Nachbarn ziemlich erhitzt, doch im Umgang mit seiner Schwester und seiner Verwandten, Caroline, sanft wie ein Lamm ist (was die verliebte Seele natürlich ihrem guten Einfluss zuschreibt). Doch die unschuldigen Träume werden jäh zerstört, als eine zauberhafte junge Frau mit nicht unerheblichen Vermögen die Bildfläche betritt: eben diese „Shirley“ auf die der ungeduldige Leser schon seit (Lese-)Stunden gewartet hat. Denn was wäre passender als eine Verbindung zwischen fortschrittlichen Unternehmergeist und guter Familie (man beachte den gesellschaftlichen Aufstieg! Dazu noch die hohe Mitgift!)? Mr. Moore teilt die Auffassung seiner Zeitgenossen und auch Miss Shirley scheint nicht abgeneigt zu sein, obwohl ihr unabhängiges Naturell zuweilen schwer zu durchschauen ist...
Wie die junge Heldin Caroline, die erkennen muss, dass Schönheit und Jugendkraft vergängliche Tugenden sind, scheint auch die Autorin zu hinterfragen, welche Möglichkeiten unverheirateten Frauen des Mittelstandes im 19. Jahrhundert offen stehen, um ein glückliches Leben zu führen. Tatsächlich scheinen die Aussichten eher dürftig zu sein. Außer dem Lehrerberuf (der ebenfalls in die Abhängigkeit führt) gibt es keine Beschäftigung für junge Ladies und das Schicksal als alte Jungfer zu sterben, ist ebenfalls nicht rosig. Selbst Shirley, die dank ihres Vermögens eine gewisse Unabhängigkeit hat, muss sich fragen, ob sie stark genug ist um die Verachtung der „Gesellschaft“ zu ertragen um ihr persönliches Glück zu finden. In ihrer eindringlichen Schreibweise gelingt es Charlotte Bronte, die Schicksale der einzelnen Personen deutlich werden zu lassen, wenn auch oft zu gefühlsmäßig (fast schon kitschig) und etwas weitschweifig. Vielleicht sollte man beim Lesen die Handlung eher nebensächlich betrachten und sich behutsam den Figuren nähern, um sie wie gute Freunde kennen zu lernen. Dann ist „Shirley“ auf jeden Fall wert „vom Anfang bis zum Ende“ gelesen zu werden.