Ach was für herrliche Schauspieler! Die Story, nach der 1933 "ein Schiff voller Narren" von Vera Cruz nach Bremerhaven unterwegs ist, ist "das Leben selbst", inszeniert auf einem Überseedampfer: auf dem Oberdeck spazieren die gut zahlenden Mitreisenden, auf dem Unterdeck werden die kubanischen Landarbeiter aus Mexiko wieder nach Hause expediert, mehr oder weniger gegen ihren Willen. Die Geschichten auf dem Oberdeck sind die "eigentlichen", sie lassen erkennen, auf was sich Europa, insbesondere Deutschland, historisch hinzubewegt. Die "Unterdeckgeschichte" dient dazu, die Werte herauszukristallisieren, die die Menschen auf dem Oberdeck für sich als wichtig ansehen...oder eben auch nicht. Irgendwie erinnerte mich dies daran, wie wir heutzutage die "dritte Welt" aus unserem Wahrnehmen ausblenden, wenn wir in unserem Wohlempfinden nicht gestört werden wollen. So betrachtet besitzt der Film, den ich in der englischen DVD-Fassung im Kino sah, eine unerwartete Aktualität. Der "Zwerg", der die filmische Geschichte als "Sprecher" einleitet, kommt auch am Schluss zu Wort und sagt: "was hat diese Geschichte mit uns zu tun? Nichts."...und man begreift, diese Geschichte hat sehr viel mit uns allen zu tun, zu allen Zeiten und wohl auch immer wieder. So gesehen auch nicht ganz von Ungefähr, wie ein Film wie Titanic diese Darstellung in einem etwas anderen Kontext aufgegriffen zu haben scheint. Und nun zurück zu den wunderbaren Darstellern wunderbarer Einzelepisoden: in beinahe jeder Figur findet man Identifikationsmomente....es handelt sich einfach um eine allgemeingültige Darstellung menschlicher Eigenschaften, Fehler, unerwarteter Würde und Größe in der vermeintlich unbedeutendsten Figur. Am Schluss liebte ich fast alle, auf jeden Fall hatte ich für alle irgendein Verständnis, der Mensch irrt, so ist es nun einmal, und manche zahlen halt einen hohen Preis dafür. Am meisten beeindruckt haben mich Simone Signoret und Oskar Werner als ungewöhnliches Liebespaar, ich hatte das Gefühl neben ihnen zu stehen und verlor alles Gefühl für die Künstlichkeit der Inszenierung. Vivien Leigh war grandios, der Zwerg (Michael Dunn) hatte philosophische Größe, Lee Marvin war als amerikanisches Klischee glaubwürdig und in seiner Tumbheit letztlich zu bedauern, Heinz Rühmann, ja, der war am meisten Heinz Rühmann und am wenigsten der jüdische Kaufmann, den er verkörperte, aber auch er beeindruckend, vor allem in seiner heiteren Gelassenheit, die als Naivität missverstanden werden konnte. Das junge Künstler-Paar, das sich zunehmend selbst zerfleischt, auch dies unglaublich intensiv gespielt, ein Thema beinhaltend, aus dem andere einen ganzen Film machen würden. Die Gegenüberstellung der kubanischen Arbeiter auf dem Unterdeck mit den vermeintlichen Verheißungen eines selbsternannten Predigers, auch das hatte Sog, aber sowohl die skeptischen Arbeiter wie auch der Prediger waren nachvollziehbar in ihren Reaktionen, der Gewaltausbruch absehbar und achso menschlich unter den dort herrschenden eigentlich menschenverachtenden Umständen. Die spanischen "Blagen", die von ihrem Vater drangsaliert werden und die vermenschlicht-verwöhnte Bulldogge ins Wasser werfen, all dies nur angedeutet und der Phantasie des Zuschauer überlassen, der kubanische Holzschnitzer, der bei der Rettung dieses Hundes sein Leben verliert, nachdem man ihm kein Messer zur Ausübung seiner Kunst zugestanden hatte....ja, das geht ungemein an die Nieren und beeindruckt einen über mehr als zwei Stunden hinweg. Überhaupt ist die Dichte dieses Films vielleicht sein Problem, man hätte stofflich glatt zwei Filme daraus machen können und auch in den Nebenrollen steckte grosses Potential. Wer des Englischen mächtig ist, hat unter Umständen sogar seine Freude daran, Rühmann mit seinem deutschen Akzent englisch sprechen zu hören, ebenso Oskar Werner oder den Schauspieler, der den Rieber spielt, leider fällt mir sein Name gerade nicht ein, aber auch er überzeugend in seiner Rolle als "Grenz-Deutscher", der sich um sein Deutschtum bemühen zu müssen glaubt. Ein ungeheuer sehenswerter Film, schwarz-weiß, altmodisch und doch ultra-modern, voller Erklärungsansätze des Allzumenschlichen.