Was hat Jemand, der Alles erreicht hat und dessen legendären Tage lange zurück liegen, Neues zu erzählen?
Joni Mitchell, von Kommerz und Fremdbestimmung immer weit entfernt, schien erst in den Neunzigern wieder einen Weg für sich zu finden, was zu den sehr guten Alben "Turbulent Indigo" und "Night Ride Home" führte. Später kamen zwei weniger befriedigende Experimente mit großem Orchester, einmal mit eigenen Songs, einmal mit Jazz-Standards. Umso größer ist die Erwartung an ihr erstes Album mit neuem Material nach dem sehr artifiziellen "Taming The Tiger".
Beim ersten Hören mag man denken: "Alles sehr vertraut", was der Vor- und Nachteil des Albums ist. Schwerpunkt bilden immer noch intensive Stücke, getragen von Gitarre und Klavier und ihrer brüchigen Stimme. Klangliche Fülle geben Synthi-Flächen und geschmeidige Basslinien. Aber da ist noch mehr. Die Künstlerin hat Einflüsse aus den verschiedenen Phasen ihrer Karriere zu einem Kaleidoskop von Impulsen zusammengefügt. So erinnert "This Place" an "Sunny Sunday", ohne dessen zwingende Klarheit zu erreichen, während "One Week Last Summer" die vielschichtigen instrumentalen Arrangements von "Court And Spark" beschwört. Dazwischen bietet sie mit "If I Had A Heart" und "Bad Dreams" solide Songs im Rahmen des gewohnten. Die letzten drei Songs sind dann mit ihrer gebremsten Energie ein wenig zahnlos und gradlinig.
Frischer wirken das eigenwillige "Hana" mit brizelnden Elektroniksounds und das treibende "Night Of The Iguana", auch wenn die verzerrten Gitarrensounds etwas fremd wirken. Der Blick zurück gipfelt in einem seltsam zerstreuten "Big Yellow Taxi", das nur am Denkmal des Originals kratzt.
Trotz beeindruckender ist das Album nicht frei von Schwächen.
Textlich bleibt das alte Problem. Wenn sie über Gefühle und Menschen singt berühren ihre Texte, doch bei Gesellschaftskritik wird sie platt und verhärtet. Waren die eindringlichen Charakterstudien früher ihr größtes Talent, so scheint sie über die Jahre mit der Welt als ganzes im Unreinen zu sein. Das führt, wie auch auf früheren Alben, zu Stücken, die mit undifferenzierter Kritk gegen Alles und Jeden um sich schlagen. Leider verliert sie bei diesen Stücken jegliche lyrische Qualität.
Zweiter Wehrmutstropfen ist der ungelenke Umgang mit elektronischen Sounds, die sie quasi-orchestral einsetzt, um "Court And Spark"-ähnliche Passagen zu gestalten. Leider klingen vor allem die künstlichen Flötensounds wie aus einem billigen japanischen Keyboard. Hier fehlt ihr sowohl die Souveränität einer Laurie Anderson als auch die Konsequenz von "Taming The Tiger", wo sie sich ganz der elektronischen Ästhetik verschrieben hatte. Hier wirken diese Elemente häufig wie störende Spielereien, die den Sound eher zerstreuen als verstärken.
Trotzdem: "Shine" ist ein entspanntes Alterswerk, dass den Fans neue Songs von gewohnt hoher Qualität bietet, und doch bleibt ein sehnsüchtiger Blick zu den Siebzigern, als die Künstlerin einige der größten Alben der Rockgeschichte geschrieben hat. Material von derart radikaler Intensität und Zeitlosigkeit ist ihr nach den Siebzigern nur noch teilweise gelungen.