Jeder, der sich hier nicht entscheiden kann, ob er kaufen soll oder nicht, kann ich bestens verstehen - mir ging es lange Zeit genauso. Produktbeschreibungen, Rezensionen etc. vermochten mir das doch recht ungewöhnliche und zumal komplexe Spielprinzip nicht so recht zu vermitteln. Da ich mich irgendwann zum Kauf durchgerungen habe und völlig begeistert bin, versuche ich mich mal selbst an einer Rezension.
Die Grafik ist meiner Ansicht nach für PS2-Verhältnisse recht gut. Bei "Persona 3" sind Cutscenes im Anime-Stil gehalten, die eigentliche Spielwelt ist jedoch in 3D, bei der die Figuren bestmöglich an ihre Anime-Optik angepasst wurden.
Es gibt eine Vielzahl an Charakteren mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten, es dürfte also für jeden irgendein Charakter dabei sein, den er favorisiert. Ich fand gleich mehrere Figuren sehr sympathisch (allen voran jedoch Junpei).
Die Story ist interessant und bietet einige Wendungen. Ohne etwas vorweg nehmen zu wollen fand ich insbesondere das Ende wahnsinnig gut und allein deshalb sticht "Persona 3" für mich als Rollenspiel aus vielen Konkurrenztiteln hervor.
Besonders klasse fand ich die Musik, die mit ihren japanischen Pop-Klängen für unsere westlichen Ohren mal etwas ganz anderes ist. Sicherlich trifft die Musik nicht jedermanns Geschmack, aber ich denke, dass jeder, der sich auf ein Spiel wie "Persona 3" einlässt, dessen Inhalt nicht an westliche Märkte angepasst wurde, bereits im Hinterkopf hat, dass ihn auch musikalisch hier etwas "anderes" erwartet.
Das Spiel ist komplett auf englisch (lediglich die Spielanleitung ist auf deutsch) und hat somit auch eine englische Sprachausgabe, die ich teilweise leider etwas unglücklich fand. Einige Sprecher machen einen tollen Job, andere kommen jedoch etwas seelenlos daher (z.B. Mitsuru) - nichts desto trotz tut es dem Spiel keinen Abbruch.
Nun zum komplexen Gameplay:
das Spiel ist wie im richtigen Leben in Kalendertage unterteilt, das jeweilige Datum wird auch stets eingeblendet. Zudem ist jeder Tag noch einmal extra in Zeitabschnitte (morgens, mittags, nachmittags etc.) unterteilt und für jeden Zeitabschnitt stehen verschiedene Aktionen zur Auswahl.
Von montags bis samstags ist man bis nachmittags in der Schule (es sei denn, es ist Feiertag und nein, schwänzen ist leider nicht möglich). Nachmittags kann man sich mit Freunden treffen oder anderen Aktivitäten wie z.B. Kino, Karaoke o.ä. nachgehen (wobei diese Freizeitaktivitäten weder spielbar sind noch animiert werden). Abends kann man entweder lernen, Freizeitaktivitäten nachgehen, früh zu Bett gehen um sich auszuruhen oder zur sogenannten "dunklen Stunde" nachts den Turm Tartarus besuchen, wo von der Simulation zum Kampf gewechselt wird.
Letztendlich wirkt sich jede zur Verfügung stehende Aktion auf das Kampfsystem aus, dieses versuche ich mal einigermaßen verständlich zu erläutern:
Im Kampf können sogenannte Personas beschworen werden, die über eine Vielzahl an Fähigkeiten verfügen (Elementarmagie, physische Angriffe, Barriere- oder Boost-Zauber u.v.m.). Bei Spielbeginn verfügt der Hauptcharakter über eine Persona, kann aber nach den meisten Kämpfen bei einem abschließenden Tarotkarten-Minispiel neue Personas dazu gewinnen und die neu gewonnenen Personas dann aktiv im Kampf einsetzen. Personas lassen sich miteinander fusionieren, woraus dann neue und stärkere Personas erschaffen werden können. Jede Persona gehört einer Arkana (Karten des Tarot, z.B. Tod, Sonne, Mond, Turm, die Liebenden etc.) an und da kommen die sozialen Kontakte ins Spiel: jeder soziale Kontakt gehört ebenfalls einer Arkana an und je besser man sich mit der Person einer Arkana versteht, desto höher ist der Fusionswert einer Persona dieser Arkana. Bei Maximierung eines sozialen Kontaktes wird die stärkstmögliche Persona der jeweiligen Arkana freigeschaltet, insofern empfiehlt es sich, so viele soziale Kontakte wie möglich zu maximieren.
Nun zu den Freizeitaktivitäten: diese werden zur Verbesserung der Persönlichkeitswerte (Charme, Mut, Akademik) benötigt. Einige soziale Kontakte sind erst verfügbar, wenn die Persönlichkeitswerte einen bestimmten Level erreicht haben. Da die sozialen Kontakte wie schon erwähnt für bessere Fusionswerte benötigt werden, schließt sich der Kreis hier wieder.
Wer also denkt, der Simulationsteil von Person 3 wäre nur zum Vergnügen, der irrt. Denn wer hier am Ende des Spiels gut aufgelevelt und mit starken Personas im Repertoire dastehen will, dem steht ein virtuelles Jahr voller akribischer Freizeitplanung bevor und das ist gar nicht so einfach.
Selbstverständlich stehen einem im Kampf in Tartarus diverse Gefährten zur Seite, die ebenfalls über eine Persona verfügen, die jedoch nicht auswechselbar ist. Die Gefährten können ganz rollenspieltypisch ausgerüstet werden, sind jedoch nicht aktiv spielbar, ihr Kampfverhalten kann jedoch jederzeit voreingestellt und geändert werden.
Zufallskämpfe gibt es in "Persona 3" übrigens nicht, die Gegner sind sichtbar und Kämpfen kann somit ausgewichen werden.
Bei "Persona 3" handelt es sich um einen Dungeon Crawler, d.h. die Charaktere bewegen sich durch den labyrinthartigen Turm Tartarus, bei dem das Leveldesign äußerst simpel gehalten ist und sich von Etage zu Etage (wenn ich mich recht erinnere, gibt es 120 Etagen) fast ausschließlich durch die Farbgebung unterscheidet. Besondere Abwechslung wird hier also leider nicht geboten. Mich hat es nicht gestört, anderen könnte es jedoch evtl. zu eintönig sein.
Für das Hauptspiel "The Journey" habe ich etwa 120 Stunden gebraucht, wobei ich aber doch recht viel "gebummelt" habe - das Spiel ist also durchaus auch in einer geringeren Spielzeit zu schaffen, ebenso dürfte die Grenze auch noch nach oben verschiebbar sein, da ich beispielsweise die Nebenquests, die ebenfalls en masse vorhanden sind, weitgehend ignoriert habe.
Fazit: ein grandioses Spiel mit viel Abwechslungsreichtum und einem komplexen und innovativen Spielprinzip. Durch den japanische Style sowie die relativ monotone Beschaffenheit des Dungeon Crawlers erschließt es sich vielleicht nicht jedem, aber wer die Reise wagt und sich davon nicht abschrecken läßt, wird mit Sicherheit dafür belohnt.