Kurzbeschreibung
Ruhe bitte!
Nigel Kennedy und sein Quintett mit dem Album
Shhh!Seit Jahrzehnten ist Kennedy einer der weltweit führenden Violinvirtuosen – und das nicht nur mit klassischem Repertoire. Schon während seines Studiums an der renommierten New Yorker Juilliard School besuchte er nicht nur den üblichen Unterricht, sondern spielte zum Schrecken der Dozenten mit Jazz-Altmeister Stéphane Grappelli um die Wette. "Ich bin von Natur aus ein Improvisator", so der Geiger. Das beweist er auf’s Faszinierendste mit seinem neuen Album
Shhh! – ein Gemeinschaftswerk seines Quintetts und Sänger Boy George.
"Ich schrieb den Song, der dem Album seinen Namen gab, in relativer Stille", so Kennedy. "Weil er entsprechend ruhig ausfiel, dachte ich über einen Titel nach, der gleich eine Art Gebrauchsanweisung für den Geräuschpegel der Umgebung mitliefern sollte. Wenn in einem Club ruhige Songs gespielt werden, gibt es immer eine bescheuerte Gruppe von Leuten, die sich laut unterhält, bis sie von jemandem mit einem 'Shhh!' um Ruhe gebeten wird." Kenedy bietet mit dem Album, das stilistisch in die Kategorie Electric Jazz gehört, eine immense Weiterentwicklung seiner Kunst und der seines Quintetts, mit dem er 2009
A Very Nice Album vorlegte. Offenheit jeder Stilrichtung gegenüber ist, wenn man so will, das Geheimrezept, mit dem Kennedy, der seit Jahren in Polen lebt, nicht nur mit schlafwandlerischer Sicherheit immer wieder neue Musik kreiert, sondern auch große Künstler zu Partnern macht. So Boy George im Song
Riverman - eine Nummer in Tom-Waits-Manier, die zeigt, dass auch für diesen Sänger seit den Tagen von Culture Club eine große Entwicklung stattgefunden hat!
Manche Alben lohnten sich schon wegen eines Tracks. So eins ist "Shhh!" des noch immer als Enfant terrible missverstandenen Ex-Klassikgeigers Nigel Kennedy, der seit Jahren (vergebens) einen musikalischen Ort sucht zwischen Fusion, Artpop und Jazz. Der Track heißt "Riverman" und ist - richtig - jener Klassiker von Nick Drake, und wie Kennedy sich rau hineintastet in dieses Stück, wie er Richard Kirbys einstiges Streicherarrangement zugleich imitiert und transzendiert, und wie Boy George (genau der!) mit ähnlicher vokaler Rauheit die Melancholie von "Riverman" ins herbstlich Fahle tunkt: Das ist Weltklasse. Auch der Rest des Albums schimmert - bis auf das nervige Rockgetue von "Oy!" - hübsch mitternächtlich mit seinen blue notes, dem Barpiano und dem überblasenen Saxofon. Da macht es wenig, dass Bandchef Kennedy beim Saitentirilieren gern in Klassikmanierismen abrutscht und wahrscheinlich eh immer noch alles vom Blatt spielt, weil er nun mal kein Improtalent ist. Seine Kollegen aber können Jazz; und die Klangfarbe von Kennedys sagenhafter Guarneri von 1735 passt in jedes Ambiente, ob Bach, Vivaldi oder Drake. (mw)