Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ist den Fernseh-Futzis denn gar nichts mehr heilig? Was für eine bekloppte Idee! Sherlock Holmes in die Gegenwart versetzen? Never ever! Wie soll das denn funktionieren! - Dies waren ungefähr meine Gedanken, als ich zum ersten Mal von der BBC-Serie "Sherlock" hörte. Und den Fernseher habe ich dann nur angemacht, um mal für zehn Minuten reinzuschauen und anschließend qualifiziert meckern zu können.
Neunzig Minuten später hockte ich immer noch vor der Mattscheibe. Sprachlos. Fassungslos. Atemlos. Was war das denn? Das war das Coolste, Witzigste, Rasanteste, Intelligenteste, mit großem Abstand Beste, was das Fernsehen in diesem Sommer - in diesem Jahr - in diesem Jahrzehnt an Unterhaltung geboten hat (OK, vielleicht mit Ausnahme von
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London, das 21. Jahrhundert. John Watson, Arzt, Afghanistan-Veteran und chronisch abgebrannt, braucht eine billige Bleibe. Sherlock Holmes, Soziopath, Genie und Nervensäge, braucht einen Mitbewohner. Und während das Dreamteam unter Mrs Hudsons nachsichtigem Auge noch die Frage klärt, ob es ein oder zwei Schlafzimmer benötigt, erschüttert eine Reihe von dubiosen Selbstmorden London. Im zweiten Teil zerrütten verschlüsselte Morddrohungen und eine Reihe eigenartiger Todesfälle die Nerven von Watson und Zuschauern, und im dritten Fall gipfeln die Andeutungen und Cliffhanger aus den ersten beiden Teilen in der Konfrontation von Consulting Detective mit Consulting Criminal.
Eigentlich ist der Krimiplot Nebensache. Viel aufregender sind die Regie-Einfälle, mit denen der Zuschauer immer wieder mitten ins Geschehen hineingezogen wird, unterstützt von der spannungsgeladenen Musik. "Sherlock" ist vor allem eins: Unglaublich schnell und immer in Bewegung, alles andere als Erholung für's Zuschauerauge. Die dritte Hauptrolle spielt dabei nach Holmes und Watson (oder, modern: Sherlock und John) eine kühle, dunkle, oft verregnete Schönheit namens London. Apropos Hauptrollen: Benedict Cumberbatch (
Abbitte), kalter Kopfmensch, und Martin Freeman (
Tatsächlich... Liebe.), sympathischer Menschenfreund, wären auch in einer "klassischen" Holmes-Verfilmung eine Idealbesetzung. Wobei John eben kein tumbes Anhängsel ist, neben dem der Meisterdetektiv glänzen kann, sondern das ausgleichende Element, das Sherlocks scheinbare Herzlosigkeit und Gefühlskälte immer wieder ausbügelt.
Und wie funktioniert jetzt das Kunststück, den viktorianischen Detektiv in unsere Gegenwart zu transportieren? Überraschenderweise ganz einfach. Zum einen darf er seine Wohnung behalten. Mrs Hudsons Räume in 221B Baker Street sehen wahrhaftig so aus, als ob auch der Ur-Holmes sich in ihnen wohlfühlen würde (allerdings hat sein Urenkel einen Internet-Anschluss). Zum anderen schafft es das Drehbuch immer wieder, mit den klassischen Holmes-Elementen zu spielen, sie ironisch zu überspitzen oder neu zu interpretieren. Der alte Droschkenkutscher Holmes fährt heute ausschließlich Taxi, John Watson schreibt - selbstverständlich - einen Blog, und die Frage, was die beiden Herren nun eigentlich sind, Freunde, Partner oder Kollegen, taucht zu Johns Verzweiflung immer wieder auf.
Die Original DVD der BBC bietet einen Kommentar zu den Folgen eins und drei, ein Making Of (32 Minuten, Interviews mit den üblichen Verdächtigen) sowie eine nicht gesendete Pilot-Version des ersten Teils (die nicht halb so cool ist wie der neue erste Teil). Das Englisch ist größtenteils gut verständlich, ansonsten gibt es Untertitel. Wie immer lohnt sich preistechnisch ein Blick auf amazon.uk. Ansonsten: Fortsetzung folgt im Januar 2012, und bis die erscheint, hat amazon hoffentlich den sechsten Stern eingeführt.
PS: Mir ist klar, dass dies keine ganz gewöhnliche Rezension ist. Meine einzige Entschuldigung dafür lautet: "Sherlock" ist auch alles andere als eine gewöhnliche Serie.
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Update Januar 2012: Hier geht's zur Fortsetzung
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