"Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" ist ein in jeder Hinsicht zufriedenstellendes, wenn nicht herausragendes Adventure, das in einem bestimmten Punkt, auf den ich zum Schluss eingehe, überdies alle übrigen Genrevertreter toppt. Leider hat es meines Erachtens insbesondere in den Rezensionen der maßgeblichen Spielemagazine und -websites mit Wertungen zwischen 70 und 80 Prozent nicht die ihm gebührende Anerkennung erfahren. Oft haben die Redakteure schlicht ihre subjektiven Erwartungen als Maßstab genommen und sind damit dem immanenten Anspruch des Spiels nicht gerecht geworden.
So wird die grafische Darstellung als zu eintönig charakterisiert. Doch erstens liegt der Schwerpunkt des Spiels nicht auf der Untersuchung schön gestalteter Hintergründe, sondern auf der Lösung eines Kriminalfalls, zum zweiten passt es durchaus zur tristen Atmosphäre der Handlung, dass etwa Straßen und Häuser nicht allzu differenziert gezeichnet wurden. Trotzdem ist die Grafik keineswegs "steril"; im Gegenteil, es herrscht kein Mangel an schönen Licht-Schatten-Effekten, Rauch- und Wasserdarstellungen, liebevoll gestalteten Innenräumen usw. - Manche Rezensenten vermissen die Horroratmosphäre und eine explizite Darstellung der Verbrechen oder wenigstens der Leichen. Doch das Spiel ist kein Grusel-, sondern ein Detektiv- bzw. Krimiadventure, in dem die logische Klärung des Falles durch einen hochintelligenten Ermittler im Mittelpunkt steht, zumal die Bedrohung durch Jack the Ripper ja nur arme Prostituierte in Whitechapel und nicht etwa jeden Einwohner Londons traf. Die sukzessive Addition immer neuer Indizien und die allmähliche Hinführung zur Identifizierung des Täters machen den Reiz und die Spannung des Spiels aus; Schockeffekte wären dem äußerlich gewesen. Zudem gebot es der Respekt vor den realen Opfern, auf die explizite Darstellung der Getöteten und zum Teil Verstümmelten zu verzichten. Im Übrigen wird dem Grauen durch Cutscenes, in denen per Egoperspektive des Mörders die nächste Tat angedeutet wird, Genüge getan; viele Details und die Gestaltung von Whitechapel erzeugen eine, wenn nicht gruselige, so doch stets beklemmende Stimmung. Einzigartig und äußerst subtil gelöst finde ich auch die Darstellung der Auffindung des letzten Opfers (Mary Jane Kelly) und schließlich der Ergreifung des Täters, die den Spieler gewiss nicht unberührt lassen werden.
Nur absurd ist schließlich die Kritik an den vermeintlich zu zahlreichen, die Story "künstlich streckenden" Logikpuzzles und Minispielchen. Wären es weniger gewesen, hätten sich dieselben Leute vermutlich über die zu geringe Spieldauer beschwert! Nein, hier ist alles perfekt: Diese Rätsel sind originell, abwechslungsreich und höchst unterhaltsam, nicht zu schwer und nicht zu leicht (das eine Rätsel, in dem historische Kenntnisse benötigt werden, lässt sich zur Not auch per Trial and Error lösen), immer in den Fortgang des Geschehens integriert und in ihrer Quantität mit den übrigen Elementen des Spiels (Dialoge, Gegenstandssuche, Inventarrätsel usw.) sehr gut ausbalanciert. - Von den zu Recht in allen Rezensionen hervorgehobenen Meriten möchte ich nur nochmals die ausgezeichnete deutsche Sprachausgabe erwähnen: Holmes und Watson zuzuhören ist ein Genuss!
Und nun das eigentliche, in den mir bekannten Stellungnahmen wie gesagt eher unterbelichtete Highlight des Spiels: Es wird eine völlig plausible, rundum konsistente Aufklärung des historischen Kriminalfalls der Whitechapel-Morde geboten, die ferner den Vorzug besitzt, erklären zu können, warum der Täter offiziell nie identifiziert wurde! Den Storyautoren gelingt es, den Spieler eine schlüssige Aufarbeitung aller vorliegenden wichtigen Dokumente und Fakten nachvollziehen zu lassen, die in der Tat nur eine Person als Täter in Frage kommen lässt. Und es dürfte nicht zu sehr gespoilert sein, wenn ich verrate, dass es sich dabei nicht um einen der bislang meistgenannten Verdächtigen handelt ...
Fazit: Ein hochspannendes, atmosphärisch gelungenes Adventure voller einfallsreicher und nie frustrierender Rätsel, das zudem (wahrscheinlich) die Lösung eines mehr als ein Jahrhundert geheimnisumwitterten spektakulären Kriminalfalls bietet.
Case solved!