Ende letzten Jahres hat sich Koch Media endlich bereitgefunden, die Staffeln 6 und 9 der unvergleichlichen Serie "The Adventures of Sherlock Holmes" mit Jeremy Brett als Titelhelden mit einer deutschen Synchronisation zu veröffentlichen, wobei von dritter und vierter Staffel die Rede ist - die Langfilme werden in dieser Zählung nicht mitgerechnet, da sie bei Polyband herausgebracht wurden.
Lange - "I'll bide my time, Smithers!" - habe ich auf diesen Moment gewartet und kann sagen, daß meine Vorfreude noch übertroffen wurde von der Begeisterung, die ich beim Ansehen der in diesem Paket enthaltenen 12 Folgen empfand, denn trotz seiner schweren Krankheit läßt Brett keinen Zweifel daran aufkommen, daß er der beste Holmes-Darsteller aller Zeiten war. Das Schöne an dieser Serie ist, daß sie ohne eine Karikatur in Deerstalker und Karocape auskommt und trotzdem einen unverwechselbaren Holmes bietet, dessen launenhaftes, aber liebenswertes Interagieren mit Dr. Watson (Edward Hardwicke) und Miss Hudson (Rosalie Williams) eine unverwechselbare Atmosphäre schafft.
Die folgenden Fälle wurden in den beiden Staffeln verfilmt:
1. Das Verschwinden der Lady Frances Carfax
2. Das Problem der Thor-Brücke
3. Shoscombe Old Place
4. Das Rätsel von Boscombe Valley
5. Der illustre Klient
6. Der Mann mit dem geduckten Gang
7. Die drei Giebel
8. Der Detektiv auf dem Sterbebett
9. Der goldene Pince-Nez
10. Der rote Kreis
11. Der Mazarin-Stein (wobei man diesen Fall mit Elementen aus "Die drei Garridebs" versetzte, da die Vorlage für eine komplette Episode nicht so viel herzugeben schien)
12. Die Pappschachtel
Wenn in vielen Episoden auch eher inhaltlich mittelmäßige Abenteuer Holmes' verfilmt wurden - die Glanzfälle hatte man schon vorher verwendet -, so steht diese Box ihren Vorgängerinnen doch in nichts nach, gibt Brett doch trotz seiner Krankheit in den meisten Fällen einen dynamischen, herrlich überlegenen Holmes, für den endlich wieder eine passende, weil leicht gelangweilt und arrogant klingende deutsche Synchronstimme gefunden wurde. Bretts Leiden machte es notwendig, die Rollen Watsons und seines Bruders Mycroft (Charles Gray, der wie ein griesgrämiger Schopenhauer wirkt) stärker in den Vordergrund zu stellen, was auf der einen Seite die Freundschaft zwischen dem Arzt und dem Detektiv, auf der anderen das von leichten Eifersüchteleien getragene Verhältnis zwischen den beiden Brüdern so sehr ausdifferenziert, daß ich als Zuschauer den Eindruck hatte, als kennte ich die drei Männer aufs beste. Hier steckt wirklich viel Liebe in der Darstellung der Charaktere und der Geschichten. Besonders faszinierend ist auch die filmische Umsetzung der Stories durch einige der Regisseure, allen voran hier durch Peter Hammond, der ein Faible für Spiegeleffekte hegt, die in der kriminalistischen Welt von Schein und Sein sehr gut am Platze sind.
Wieder ist der Box ein ausführliches Booklet des Produzenten Michael Cox beigefügt, der mit für mein Empfinden zu starker Strenge die Episoden beurteilt, wobei er allerdings auch den Finger auf die üble Wunde legt, daß man in der Episode "Der Mazarin-Stein", in der Brett infolge seiner Krankheit zugunsten seines Bruders nur eine sehr geringe Rolle spielt, ein lautstarkes Gespräch zwischen Lord Cantlemere und Mycroft in den heiligen Hallen des Diogenes-Clubs stattfinden läßt, wo doch Unterhaltungen aller Art im Kreis dieser mürrischen Männer verfemt sind und auch streng geahndet werden.
Auch wenn der gefürchtete Moriarty schon sein Ende im Reichenbachfall gefunden hat - mir scheint es so, als habe Holmes eine Radierung dieses Wasserfalls über dem Kaminsims hängen, wobei ich mir allerdings nicht ganz sicher bin -, so trifft Holmes beispielsweise in der Geschichte "Der illustre Klient" auf den wahrhaft diabolischen und ebenbürtigen Gegner Baron Gruner (Anthony Valentine), den er nur mit Hilfe einer Frau zur Strecke bringen kann.
Der letzte der Fälle - "Die Pappschachtel" -, obgleich inhaltlich meiner Meinung nach wenig überzeugend, beeindruckt dennoch durch die Düsternis, die sich um die Personen, ihre inneren Konflikte und ihre Handlungen legt. Hier spricht Holmes am Ende die Worte, die ihm auch sein Schöpfer zum Abschluß der Geschichte in den Mund legt und die ganz deutlich Holmes' Leiden an der Welt und den Grund für seine eisige Rationalität zeigen: "What is the meaning of it, Watson? [...] What object is served by this circle of misery and violence and fear? It must tend to some end, or else our universe is ruled by chance, which is unthinkable. But what end? There is the great outstanding perennial problem to which human reason is as far from an answer as ever."
Ein würdiger Abschluß für das Schaffen Jeremy Bretts.