Die Kurzgeschichtensammlung von Christian Endres ist gegenüber seiner vorherigen Kurzgeschichte "Der Henker" (veröffentlicht in "Das Geheimnis des Geigers") deutlich überzeugender.
Die Geschichten sind interessant, manchmal packend, manchmal überraschend, so gut wie immer lesenswert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird nicht jeder mit allen Stories etwas anfangen können, auch mir haben nicht alle gefallen. Ausgerechnet die "Märchen"-Geschichten waren nicht so mein Fall. Aus dieser Aussage kann man ableiten, daß sich die Geschichten im phantastischen Bereich bewegen. Holmes trifft auf Vampire, Werwölfe, Ghule, Kapitän Nemo, Märchengestalten und -themen, spielt mit der Fiedel des Erich Zann (Cthulhu-Mythos), ermittelt in Oberons Reich und im Lande Oz und vielerlei mehr. In jeder Geschichte sind Anspielungen auf Gestalten und Themen aus Märchen, Comic, Film und Literatur zu finden. Es macht immer wieder Spaß die eine und andere Anspielung zu entdecken. Der Autor trifft dabei den Stil Arthur Conan Doyles ganz gut, manchmal aber kommt der Schluß etwas zu schnell. De Autor beweist das er sich im "Mythos Sherlock Holmes" sehr gut auskennt, nicht nur den Kanon (die originalen Geschichten von Arthur Conan Doyle) gelesen hat, sondern sich auch mit einigen Pastiches (z.B. von Michael Moorcock) und vor allem der Sherlock-Holmes-Biographie von Baring-Gould beschäftigt hat.
Die letzten drei Geschichten sind eine Art Dreiteiler, wobei die letzte besser als Nachsatz der vorherigen Story gepasst hätte. Als eigenständige Geschichte funktioniert sie nicht. Gut gefallen hat mir das der Dreiteiler gleichzeitig noch einen Bogen zur ersten Geschichte des Sammelbandes schlägt.
Leider lässt der Autor den Grund offen, weswegen die Hauptgegnerin in diesen letzten Geschichten zur Antagonistin wurde. Schade, denn das ist eine der Fragen die man sich beim Lesen sofort stellt.
Insbesondere die 2-Seiten-Geschichten sind eher Beschäftigungen mit den Charakteren Holmes und Watson. Ist man zu Beginn noch überrascht und zweifelt ob auf diesem geringen Platz etwas vernünftiges herauskommen kann, stellt man recht schnell fest, das sie sehr kurzweilig und humovoll sind. Herausstellen möchte ich "Muse mit sieben Prozent" und Detektiv im Dutzend".
Das Buch enthält 20 Kurzgeschichten, zwei Vorwörter, ein Nachwort und ein Kapitel in dem entfallene Szenen enthalten sind. Dieses ungewöhnliche Vorgehen gestrichene Passagen doch zu veröffentlichen ist interessant. Kann man die Streichung der - keineswegs langweiligen - Passagen aus "Der Fall der veschwundenen Katzen" nachvollziehen, ist es unverständlich das der Autor auch einen sehr interessanten Abschnitt aus "Schatten aus dem Meer" entfernt hat.
Der Abschnitt "Der Vorhang fällt", ist weder eine Geschichte, noch eine gestrichene Szene und auch kein Nachwort, sondern im Grunde nur ein paar Sätze darüber, wann wer gestorben ist. Dies wäre als Fußnote vermutlich besser aufgehoben gewesen.
Wer akzeptieren kann das Sherlock Holmes auch im phantastischen Bereich ermittelt, der wird sicher sein Vergnügen an dem Buch haben. Wer Holmes aber nur in der fiktiven-realen Welt ermitteln sehen will, sollte besser zu einem anderen Werk greifen, wird dann aber einige sehr gelungene Geschichten verpassen.