England, 1910
Sherlock Holmes lebt zurückgezogen in einem Cottage unweit des Erholungsortes Eastbourne, nahe den Sussex Downs. Sein Bruder Mycroft bittet ihn in einer Angelegenheit von äußerster nationaler Brisanz zu ermitteln. Charlotte von Cumberland, Tochter des Herzogs von Cumberland Ernst August II., hat ihr Leben der Schauspielerei verschrieben und soll nun mit der Royal Academy of Dramatic Art in Deutschland auftreten. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Charlotte von Cumberland, die unter dem Pseudonym Lotte Land reist, nach ihrer Ankunft in Deutschland entführt oder gar getötet werden soll. Dies würde eine internationale, politische Krise mit verheerenden Folgen nach sich ziehen und zum Krieg führen. Sherlock Holmes, im Herzen immer ein waschechter Patriot, und sein treuer Gefährte Dr. John H. Watson sollen Charlotte von Cumberland schützen und die Verschwörer entlarven. Zu diesem Zweck schlüpft der Meisterdetektiv in die Rolle des Schauspielers William Escott, während Dr. Watson als sein Begleiter John Rance unterwegs ist. Doch der Auftrag der britischen Krone erweist sich als schwieriger als erwartet, denn der Gegner ist raffinierter und besser organisiert als zunächst angenommen. Bereits während der Überfahrt von Dover nach dem Kontinent erfolgen die ersten Anschläge ...
Sherlock Holmes ist einer der faszinierendsten Figuren der Kriminalliteratur, die sich auch heute noch, nach über einhundert Jahren größter Beliebtheit erfreut, nicht erst seit der phänomenalen Neuverfilmung. Mittlerweile gehört der von Sir Arthur Conan Doyle erfundene Meisterdetektiv zum kulturellen Allgemeingut und darf von Schriftstellern problemlos als Protagonist ausgeliehen werden. Seitdem ist es zum Volkssport geworden Holmes die brisantesten und gefährlichsten Fälle lösen und bisweilen die komplette Welt retten zu lassen. Ein beliebtes Thema sind auch die Ermittlungen in anderen Ländern, denn welche Schauplätze könnte ein Autor besser beschreiben, als jene, die er selber kennt? Für Schriftsteller und Leser in Deutschland sind Sherlock Holmes' Fälle hierzulande natürlich das Salz in der Suppe. Wolfgang Schüler, Autor der Edgar-Wallace-Biografie und des Handbuches der Kriminalliteratur, schickt den Meisterdetektiv in die geschichtsträchtige Kulturstadt Leipzig, die schließlich nicht umsonst jährlich zum Schauplatz der zweitgrößten Buchmesse hierzulande wird. Schülers Protagonist ist ein alternder Holmes, der sich bereits in seinem Cottage zur Ruhe gesetzt hat und sich mit Leib und Seele der Bienenzucht widmet, seiner geheimen Leidenschaft. Das Wichtigste an einer neuen Holmes-Geschichte ist wohl die Charakterisierung der Protagonisten, und die ist dem Autor wahrlich vortrefflich gelungen. Nichtsdestotrotz gestaltet sich das Lesen des schmalen Büchleins bisweilen etwas anstrengend, da zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Ergebnisse einer gewissenhaften und fundierten Recherche in den Text mit eingeflossen sind. Hintergrundwissen ist schön, sollte aber nicht auf Kosten der Dramaturgie gehen und auch ein historischer Kriminalroman ist kein Geschichtsbuch. Hier schießt Schüler stellenweise über das Ziel hinaus. Wirklich formidabel sind dagegen die vielen, unzähligen Anspielungen an den offiziellen Kanon, wie Beispielsweise die Erwähnung des Werkes, mit dem der berüchtigte James Moriarty wissenschaftlichen Ruhm erlangte: 'Bewegungen eines Asteroiden'. Dr. Watson darf nicht nur als Chronist und steter Begleiter herhalten, der durch sein Staunen die Fähigkeiten seines Freundes noch gewaltiger erscheinen lässt, sondern auch als Lebemann und versierter Kämpfer, der seine Erfahrungen von den Schlachtfeldern Afghanistans immer noch anzuwenden versteht. Leider bleibt der Schauplatz Leipzig austauschbar, wenngleich das historische Lokalkolorit glänzend wiedergegeben wird. Sherlock Holmes erreicht die Stadt erst im letzten Drittel und es dauert nicht lange, da findet der Fall seinen furiosen Abschluss. Am eindringlichsten und atmosphärisch intensivsten ist dem Autor die Schilderung der Überfahrt des Ärmelkanals gelungen, ebenso wie das Finale. Die wahre Identität des jungen Heißsporns William Norton entbehrt jedoch nicht einer gehörigen Portion Kitsches. Im Großen und Ganzen bietet die Novelle aber eine vortreffliche und den Figuren von Arthur Conan Doyle angemessene Lektüre.