Hörbuchrezension:
"Wenigen Autoren ist beschieden, was Sir Conan Doyle gelang: Seine Phantasiegestalten Sherlock Holmes und Dr. Watson haben eine Existenz erlangt, an deren Wirklichkeit Ungezählte felsenfest glauben." Diesem treffenden Zitat des Verlages und Studios für Hörbuchproduktionen kann kaum etwas hinzugefügt werden. Holmes ist und bleibt die einzig mystische Detektivfigur, deren Gegenwart und Wirklichkeit unbestreitbar erscheint. The New York Times Book Review unterstreicht diese Sicht: "Sherlock Holmes ist die einzige große populäre Legendenfigur, die in der modernen Welt geschaffen wurde." (G. K. Chesterton). Conan Doyle ist der Erfinder des psychologischen Kriminalromans. Holmes faszinieren lediglich Fälle, welche unwirklich erscheinen und die er mit seiner gelassenen, unterkühlt-arroganten Denkweise zu lösen versteht. Als Inbegriff eines britischen Edelmannes gibt Sherlock Holmes die perfekte Hauptfigur im Zeitalter viktorianischer Biederkeit. Neu sind für den Hörer - welcher noch kein Conan Doyle-Experte ist - die innersten Geheimnisse des unnachgiebigen Spürhundes, wie etwa die Schwäche für Irene Adler, einer femme fatale, welche fast den böhmischen Königsthron umgestoßen hätte.
Das Hörbuch enthält vier aussagekräftige und prägende Kurzgeschichten von insgesamt sechsundfünfzig, die Conan Doyle über den Detektiv und Dr. Watson verfasst hat. Sie sind allesamt schlüssig, logisch und fesselnd.
Die Abenteuer des Sherlock Holmes leben weniger von atemberaubender Spannung, als vielmehr vom oft etwas verklemmten britischen Charme und der Mischung aus Logik und Naivität. Die geglückte Auswahl gilt ebenso für den sehr renommierten Sprecher Peter Weis, der als Schauspieler, Synchronsprecher und Mitwirkender bei Hörbuchproduktionen auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz zurückblicken kann. Er erschafft durch Stimme und Sprache die Atmosphäre des London im späten 19. Jahrhundert. Holmes' typische Blasiertheit nimmt man ihm ebenso ab, wie die oft einfältige Denkweise Dr. Watsons. Der Sprecher erweist sich als Glücksfall und Idealbesetzung beider Charaktere. So muss man wirklich an die Existenz Holmes glauben. Denn wie sagt der Meisterdetektiv doch so einleuchtend: "Hat man das Unmögliche eliminiert, so muss, was übrig bleibt, mag es noch so unwahrscheinlich erscheinen, die Wahrheit sein."
Folgenübersicht:
1. EIN SKANDAL IN BÖHMEN
London, 1888: Dr. Watson stattet seinem langjährigen Freund Sherlock Holmes, in dessen Wohnung in der Baker Street, einen Besuch ab. Lange hat er seinen Freund nicht gesehen und findet ihn in einen neuen Fall vertieft vor. Holmes hat einen anonymen Brief erhalten, in dem seine Hilfe erbeten wird. Der Hilfesuchende kündigt zudem seinen Besuch an. Es handelt sich um einen Adeligen aus Böhmen und dessen brisantes Anliegen. Dies ist die erste veröffentlichte Sherlock-Holmes-Geschichte (1891) und eignet sich daher auch bestens als Einstieg für diese Hörbuchreihe. Sie zeigt Sherlock Holmes oft verkannte menschliche Züge.
2. DER LETZTE FALL:
London, 1891: Sherlock Holmes zieht seinen Freund Dr. Watson zu Rate, was in der letzten Zeit selten geschehen ist, da sich durch Watsons Heirat die Freunde ein wenig auseinander gelebt haben. Holmes hat es mit Professor Moriarty aufgenommen, dem genialsten Verbrecher, der Holmes je begegnet ist. Dieser fühlt seine Vorhaben durch Holmes gefährdet und bedroht das Leben des Detektivs. Conan Doyle beschreibt Holmes als Detektiv dessen Laufbahn einen kritischen Punkt erreicht hat und es deshalb als einen guten Zeitpunkt betrachte, sie zu beenden. Doch nicht nur Dr. Watson konnte sich schwerlich mit dem Tod seines Freundes abfinden, auch Doyles Leserschaft nicht.
3. DAS LEERE HAUS:
London, 1894: Zwei Jahre sind seit dem Verschwinden Sherlock Holmes vergangen und Dr. Watson schmerzt der Verlust seines Freundes immer noch sehr. Er verfolgt im Gedenken an Holmes immer noch bedeutende Kriminalfälle, wenn er sich auch nicht in der Lage sieht, die Methoden seines mit so scharfem Verstand ausgestatteten Freundes, anzuwenden. Diese Geschichte ist die historisch unmittelbar nächste nach "DER LETZTE FALL". Holmes überzeugt erneut mit raffinierten Tricks und Winkelzügen. Zudem nimmt er es in dieser Kurzgeschichte noch einmal mit Professor Moriartys Verbündeten auf. Mit seinen Methoden, Schlussfolgerungen und Verkleidungen schafft Sherlock Holmes es immer wieder Dr. Watson in Erstaunen zu versetzen.
4. DER ZWEITE FLECK:
Ein blass-blaues Kuvert ist verschwunden, welches ein Dokument von äußerster politischer Brisanz enthält. Gerät es an die Öffentlichkeit, so muss befürchtet werden, dass es sogar Krieg geben könnte in Europa. Zwei Bedienstete des europäischen Hofs suchen Sherlock Holmes auf und beauftragen ihn mit der Auffindung und Wiederbeschaffung dieses Dokuments. Ein schwieriges Unterfangen. Im Laufe des Falles äußert Holmes zunehmend sein Missfallen über die Aufzeichnungen Dr. Watsons. Er möchte keine Anerkennung, sondern er sieht in ihnen nur den Nutzen als Fall-Archiv, der nun entfallen ist, da er sich zurückziehen und der Bienenzucht widmen möchte.