England, Januar 1915
Sherlock Holmes genießt im Fairmount Hotel in Sussex seinen wohlverdienten Ruhestand, als er von dem Mord an einem Journalisten liest, bei dessen Leiche ein blühender Kirschzweig gefunden wurde. Kurz darauf erhält der ehemalige Detektiv ein Telegramm seines Bruders Mycroft, in dem in dieser bittet nach London in den Diogenes Club zu kommen. Sherlock Holmes wittert einen brisanten Fall und das alte Jagdfieber erwacht wieder in ihm. Er macht sich sogleich auf den Weg, nicht ohne seinem alten Freund Dr. Watson einen Besuch abzustatten. Im Diogenes Club macht Holmes die Bekanntschaft mit Joseph Bruce Ismay, dem Inhaber der White Star Line, jener Schifffahrtslinie der auch die Titanic gehörte, die drei Jahre zuvor nach einem tragischen Unfall gesunken ist. Der ermordete Journalist hat Ismay und seinen Partner in seiner Gazette beschuldigt, die Titanic absichtlich versenkt zu haben, um die Versicherungssumme zu kassieren. Nun fällt auch der Verdacht des Mordes auf Ismay und seinen Partner. Holmes wittert eine großangelegte Verschwörung und begibt sich mit Ismay und einigen ausgewählten Gästen auf eine Wiederholungsreise mit der Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic. Mit kleinen Abweichungen, um eine ähnliche Katastrophe zu vermeiden, folgt die Olympic derselben Route wie ihr Schwesterschiff vor drei Jahren. Mit an Bord befinden sich der Journalist Conolly, die beiden Brüder des Kapitäns der Titanic, sowie einige Überlebende des Unglücks. Holmes ist umso erfreuter, dass sich sein alter Weggefährte Dr. Watson ebenfalls inkognito an Bord eingefunden hat. Doch viel größer wiegt die Überraschung, als er erfährt, wer noch an der Reise teilnimmt: Irene Adler, die einzige Frau, die Sherlock Holmes überlistet hat. Für Holmes wird die Überfahrt mit der Olympic zu einem seiner kniffligsten Fälle, in dem Irene Adler ihr eigenes Süppchen zu kochen scheint ...
Nimmt man einen Roman von J.J. Preyer zur Hand kann man sicher sein, dass die Handlung keineswegs geradlinig und vorhersehbar verläuft. Auf wenigen Seiten gelingt es dem Autor auch dieses Mal eine hochkomplexe Geschichte aufzubauen, in der er erneut eine Verschwörungstheorie aufstellt, bei der geklotzt und nicht gekleckert wird. Ging es in Preyers erstem Holmes-Roman um den Satanisten Aleister Crowley und Jack the Ripper, so widmete sich der Schriftsteller in seinem zweiten Band dem Leben und Werk von Shakespeare. Dieses Mal geht es um die Titanic und das Mysterium welches hinter der Kollision mit dem Eisberg steht. Dass auf Moriartys Sohn als Chronisten dieses Mal verzichtet wurde, kommt der Geschichte zu gute. Auch hier schaut der Leser über die Schulter eines alternden Holmes, der jedoch noch nichts von seinem Scharfsinn eingebüßt hat. Watson indes ist einmal mehr verheiratet, lässt es sich dann aber doch nicht nehmen seinen alten Freund auf seiner neuen Mission zu begleiten, wenn auch auf recht ungewöhnlichen Pfaden. Die kleine Episode mit der Stipvisite in der Baker Street und dem Besuch bei Mrs. Hudson und ihrer reizenden Nichte, lässt nicht nur bei Holmes nostalgische Gefühle aufkommen. Der Auftritt von Mycroft Holmes, der seine Nase überall drinstecken hat, was ansatzweise nach Verschwörung riecht, ist der typischen Holmes-Atmosphäre ebenfalls sehr zuträglich. Natürlich hat wurde auch für diesen Roman exzellent recherchiert. Angefangen bei den historischen Fakten, bis hin zu den tatsächlich existierenden Personen, wie beispielsweise Joseph Bruce Ismay. Lediglich im Sprachgebrauch gibt es eindeutige Diskrepanzen, denn das österreichische Jänner für den Monat Januar dürfte in England keine gebräuchliche Vokabel gewesen sein, vor allen Dingen nicht in den einschlägigen Gazetten. Als äußerst interessant und originell gestaltet sich das erneute Aufeinandertreffen zwischen Holmes und seiner größten Kontrahentin Irene Adler. Diese Begegnung verläuft dem Holmes-Kanon angemessen und nicht allzu kitschig und spielt für das Finale eine nicht unerhebliche Rolle. Schlussendlich ist der Roman ein hervorragender, historischer Kriminalroman, der für Holmesianer und Titanic-Interessierte die optimale Unterhaltungslektüre darstellen dürfte. Gerade weil Preyer seinem eigenen Stil treu bleibt und gar nicht erst versucht Conan Doyle zu kopieren, funktioniert die Geschichte so gut.