Wer das Lesen von Biographien liebt, bekommt genau das hier geboten. Im Detail wird das Leben des berühmten Sherlock Holmes nacherzählt. Es beginnt mit der Geschichte seiner Familie, die bis ins Jahr 1219 zurückreicht. Es wird über seine Großeltern und Eltern berichtet, über seine Geburt und Jugend auf dem Landsitz in Yorkshire und über seine Ausbildung in Harrow und Cambrigde. Dann folgt natürlich die besondere Beziehung zu seinem Bruder Mycroft und die Freundschaft mit Dr. John Hamish Watson. Berichtet werden seine herausragenden Erfolge als "beratender" Privatdetektiv. Und schließlich wird auch erzählt, wie der Ruhm kommt, im wesentlichen durch die Veröffentlichungen seiner Fälle durch seinen Freund Watson, der dabei durch den Literaturagenten (und mäßig erfolgreichen Autor) Arthur Conan Doyle unterstützt wurde.
Aber diese Biographie geht natürlich weit über den Inhalt der vier längeren und 57 kürzeren Berichte hinaus, die uns durch Watson und Doyle überliefert sind. Der Autor dieser Biographie, Nick Rennison, hat sich die Geschichte des britischen Empires im 19. Jahrhunderts genau angesehen. Und er hat die Handschrift von Holmes in vielen bekannten Ereignissen in Politik und Verbrechen wieder gefunden. So hat Holmes natürlich auch Jack the Ripper richtig identifiziert (auch wenn sich dieser leider seiner Verhaftung durch frühes Dahinscheiden entziehen konnte). Und durch seinen Bruder Mycroft war Sherlock Holmes in eine Vielzahl von politischen Spezialaufträgen involviert, so in die Verteidigung des Empires vor den Anschlägen von Iren und Anarchisten, in die Konflikte des "Great Game" zwischen dem Empire und Russland in Asien und nicht zuletzt in die Abwehr der deutschen Spionage vor dem ersten Weltkrieg. Und des Weiteren hätten wir ohne Holmes wohl weder Fingerabdruckdateien noch den britischen Geheimdienst MI5 und MI6. Eine bemerkenswerte und beeindruckende Rechercheleistung, und man muss dem Autor zugestehen, dass er sich in der Geschichte von 1880 bis zum ersten Weltkrieg wirklich exzellent auskennt.
Was Puristen (gerade deutsche Puristen) allerdings an dieser Biographie etwas stören könnte, ist, dass es sich genau genommen bei Holmes ja um eine fiktionale Figur handelt. Sherlock und Mycroft Holmes sowie Watson existierten ja nicht wirklich. Ich meine allerdings, dass man diese Tatsache mit gutem Gewissen ignorieren kann, da ja die fiktionale Figur des Sherlock Holmes nach wie vor quicklebendig ist. Und uns die Existenz dieses besten aller Detektive sozusagen täglich nachweist. Und das, obwohl Sherlock Holmes ja bereits am 23. Juni 1929 in seinem Landhaus in Sussex friedlich entschlafen ist.
Meine einzige, kleine Anmerkung zu dieser insgesamt sehr detaillierten, liebevollen und unterhaltsamen Biographie ist, dass der Autor auf Fußnoten zu seinem Text leider verzichtet. Er begründet das im Nachwort mit der Tatsache, dass er eher für Holmes-Neulinge als für Holmes-Spezialisten geschrieben hätte. Gerade als eher oberflächlicher Kenner der Materie hätte ich mich über Quellenangaben mit direktem Bezug zum Text sehr gefreut, nicht zuletzt um jeweils zu identifizieren, was aus den Quellen von Watson und Doyle stammt und was eher den Werken der Politik- und Sozialgeschichte entnommen ist.
Wer sich jetzt erst mit Holmes beschäftigt, dem seien deshalb hier zwei Werke zur Ergänzung empfohlen: Sherlock Holmes - Geschichten. Der Hund von Baskerville von Arthur C. Doyle aus dem Manesse-Verlag ist eine gute Zusammenfassung der besten Geschichten von Doyle. Und Königin Viktoria und ihre Zeit von Herbert Tingsten aus dem Verlag Diederichs ist eine sehr gute Kurzdarstellung zu der damaligen Zeitgeschichte, den Personen und den Ereignissen, mit denen Holmes zu tun hatte (auch wenn Holmes selbst dort unverständlicherweise nicht erwähnt wird). Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, macht das Lesen der Biographie dann noch einmal doppelt soviel Spaß.