Wenn ich es dem Comicbuchverkäufer aus Springfield gleichtun und eine "Worst Episode Ever" küren wollte, dann würde für die Fälle des von Jeremy Brett gespielten Sherlock Holmes wohl die Doppelfolge um "The Noble Bachelor" aus dem Jahre 1993 von dem von mir ansonsten heißgeliebten Regisseur Peter Hammond der unangefochtene Kandidat sein. Vorausschicken möchte ich allerdings, daß mein Urteil sich auf einer reinen Geschmacksfrage gründet, denn meine Frau wiederum findet gerade das, was mir an dieser Folge kalte Schauder über den Rücken peitscht, ausgesprochen gut.
Grundlage für diese Verfilmung ist die Kurzgeschichte "The Adventure of the Noble Bachelor", die 1892 im Strand Magazine veröffentlicht wurde und in der es um eine Braut geht, die kurz nach der kirchlichen Trauung ein für eine Braut recht ungewöhnliches Verhalten an den Tag legt, indem sie nämlich verschwindet. Am Anfang einer Ehe ist der zurückgelassene Partner meist noch auf die Wiederbeschaffung des verloren geglaubten Gegenparts bedacht, und so wendet sich Lord St. Simon denn auch an Holmes. Holmes findet dann, dies kann ich ohne Verspoilerung sagen, heraus - und zwar, ganz auf dem Wege der Deduktion, ohne auch nur den Raum zu verlassen -, daß die junge Frau bereits verheiratet war und in der Kirche ihren totgewähnten ersten Ehemann erkennt, mit dem sie sich durch unüberwindliche Liebe verbunden fühlt.
Peter Hammonds Verfilmung greift zwar das Motiv dieser Geschichte auf, doch da es sich um eine Doppelfolge handelt, bläht er die Story zu einer fintenreichen Kriminalgeschichte auf, an deren Ende ein wahrhaft finsterer, gewissenloser, aalglatter und in alle Wasser getunkter Schurke demaskiert wird. Dies, und die übliche Mimenkunst des Gespanns Brett-Hardwicke, ist ein absoluter Pluspunkt des Spielfilms, der mich letztlich auch bewogen hat, den Junggesellen mit drei Sternen auszustatten. Hinzu kommen noch einige kleine Schmankerl, wie Holmes Sehnsucht nach einem ebenbürtigen Gegner, wie Moriarty, die drei alten Damen - Tanten des zukünftigen Bräutigams -, die, in knisterndem schwarzen Samt, der Braut gegenüber rätselhafte Andeutungen fallen lassen, der geheimnisvolle Herrensitz, den niemand unangemeldet betreten darf und eine Reihe falscher Fährten, auf die der Zuschauer geschickt wird.
Was ist aber wirklich schlecht an der Verfilmung? Die Antwort ist einfach: Daß Holmes auf einmal zum Seher avanciert, der von einem immer wiederkehrenden Traum heimgesucht wird, in dessen scheinbar willkürlich zusammengewürfelten Bildern die Lösung des Falles bereits angedeutet ist und der ohne weiteres als Inspiration für das Video aus "The Ring" hätte herhalten können. Die erste Hälfte des Filmes kommt denn auch selbst wie ein wirrer Traum daher: Wir sehen immer wieder Nebelschwaden, einen geistesabwesenden Holmes, eine beunruhigte Mrs. Hudson, die rotäugig nächtens auf der Treppe sitzt, Versatzstücke aus der Handlung um die Braut und den Bräutigam, Irrenhausimpressionen und dergleichen mehr. Das alles ist durchaus kunstvoll arrangiert, wie dies eben so Peter Hammonds Art ist, doch ein Holmes, der mit Hilfe von Träumen seine Fälle löst, ist für mich beinahe ebenso out of character wie ein Martial-Arts-Holmes. Außerdem stellt sich die Frage, aus welchen Informationsquellen sich diese Träume denn gespeist haben mögen - wie beispielsweise konnte er von dem immer wieder auftauchenden Sessel mit der zerfetzten Sitzfläche wissen, der sich im Innern eines Zimmers befand, das er noch nie betreten hatte? Nichts von dem kühlen Kalkül, das Holmes in der Originalgeschichte (Lestrade: "They have been identified as her clothes, and it seemed to me that if the clothes were there the body would not be far off." - Holmes: "By the same brilliant reasoning, every man's body is to be found in the neighbourhood of his wardrobe.") an den Tag legt, wird in die Verfilmung hinübergerettet, und Holmes erscheint stets in der Rolle eines Mannes, der den sich entfaltenden Ereignissen hinterherrrennt. Dies ist ganz sicher nicht die von Arthur Conan Doyle geschaffene Kultfigur.
Um mal ganz prosaisch mit Hape Kerkeling zu sprechen: "Ich möchte das nicht." Wer allerdings nichts gegen eine reichlich ins Übersinnliche abdriftende, assoziativ dargestellte Handlung hat, ist mit dieser Episode sicher bestens bedient. Ich bereue es auch nicht, mir diesen Film angeschafft zu haben - allein geht es mir als eingefleischtem Fan auch um die Vollständigkeit meiner Sammlung.