Der Spielfilm "The Master Blackmailer" (Regie: Peter Hammond / 1992) basiert auf der Kurzgeschichte "The Adventure of Charles Augustus Milverton" und ist meines Erachtens das einzige Beispiel der Jeremy-Brett-Reihe für eine Verfilmung, in der eine Kurzgeschichte stimmig und spannungsgeladen auf eine mehr als 100minütige Doppelfolge ausgedehnt werden konnte.
Von der Angehörigen einer jungen Frau, die Selbstmord verübte, werden Holmes und Watson auf Charles Augustus Milverton (Robert Hardy) aufmerksam gemacht, einen gewieften und methodisch vorgehenden Erpresser, der sich die Gier oder den Groll von Dienstboten zunutze macht, um über sie an kompromittierende Briefe von oder an Mitglieder(n) der Höheren Gesellschaft zu gelangen, und diese dann ausplündert oder gesellschaftlich hinrichtet. Nachdem Holmes und Watson eine Zeitlang vergeblich versuchen, Milvertons Opfer zur Zusammenarbeit mit ihnen zu bewegen, gelingt es ihnen endlich im Falle der jungen Eva Blackwell (Serena Gordon), die kurz vor ihrer Hochzeit mit einem englischen Adligen steht, aber von Milverton mit romantischen Briefen erpreßt wird, die sie Jahre zuvor an einen Mann geringen Standes geschrieben hat. Holmes erbietet sich, mit Milverton in Verhandlungen zu treten, doch dieser ist ein mit allen Wassern gewaschener Schurke, der sich auf das Psychoduell mit Holmes freut.
Neben der Dynamik und Dichte der filmischen Erzählung fällt diese Episode vor allem durch zwei Punkte auf. Zum einen ist da die sehr überzeugende Darstellung Milvertons durch Robert Hardy zu nennen. Milverton ist ein menschliches Reptil, berechnend und methodisch und anscheinend nur von zwei Passionen beseelt - der Gier (während eines Balls beispielsweise sehen wir für einen Moment die Szenerie aus seinen Augen und gewahren nur Diamentketten an Frauenhälsen und beringte Finger, aber keinesfalls Menschen) und der Freude an der Grausamkeit. Hardy gelingt es, diese beiden Eigenschaften aufs beste zu verkörpern, wobei er großartig von Hammonds Regie unterstützt wird, die Milverton im ersten Drittel des Filmes nur im Halbschatten, gesichtslos, doch durch eine unangenehme Stimme gekennzeichnet, zeigt. Erst im Gespräch mit Watson dreht sich Milverton brüsk herum und offenbart ein basiliskenhaftes Angriffsgrinsen unter funkelnden Brillengläsern.
Der zweite Punkt ist Holmes' Inkognito als Klempner im Hause Milvertons und sein Poussieren mit dem Hausmädchen Agatha (Sophie Thompson), aus der er Informationen herauslocken möchte. Hier wimmelt es, besonders in Agathas Scherzen, von sexuellen Anspielungen, und als sie Holmes schließlich bittet, sie zu küssen, sagt dieser hilflos, er wisse nicht wie. Später allerdings wird er emotional - dies ist ein schauspielerischer Glanzakt Jeremy Bretts - mehr und mehr von Agatha angerührt, und wir sehen ihn schließlich --- weinen. Eine sehr schöne Idee, die der Figur Holmes' eine unheimliche Tiefe verleiht und die auf diese Weise in der literarischen Vorlage nicht vorkommt.
Schade nur, daß Holmes Watson am Ende bittet, diesen Fall nicht niederzuschreiben, denn es gebe da gewisse Aspekte - räusper -, auf die er nicht sonderlich stolz sei. Kann er aber doch, denn schließlich ist ein Holmes auch - nur - ein Mensch.