...oder: Genie und Unsinn
Lord Blackwood (Mark Strong) ist ein unehelicher Spross eines angesehenen Mitglieds des britischen Oberhauses und ein sinistrer Schurke der, offenbar mit paranormalen Fähigkeiten ausgestattet, danach trachtet die Herrschaft an sich zu reißen und den Commonwealth in "his personal wealth" umzuwandeln. Doch da kommen ihm, gleich zu Beginn des Films, Meisterdetektiv Sherlock Holmes (Robert Downey jr.) und dessen treuer Freund und Kampfgefährte Dr. Watson (Jude Law) in die Quere. Der Schurke kommt an den Galgen, doch seine zuvor ausgesprochene, düstere Prophezeiung scheint sich zu bewahrheiten: Blackwood ist larger than life und sein Tod erst der Anfang. Doch das ist nicht der einzige verzwickte Fall mit dem sich die berühmte Spürnase herumschlagen muss. Denn Watson hat die Frau fürs Leben gefunden und droht die Baker Street zu verlassen. Und als wäre das noch nicht genug taucht auch noch Holmes feuchtester Albtraum, Irene Adler, auf...
Haben wir uns so Arthur Conan Doyles berühmten Meisterdetektiv vorgestellt? Ich denke nicht. Aber, hey, dieser Film ist von Guy Ritchie. Von jemandem der Brad Pitt in einen schmierigen, nuschelnden "Zigeuner" verwandelt und verrückt genug ist Madonna zu heiraten kann man wohl kaum erwarten, dass er uns einen handelsüblichen Meisterdetektiv vorsetzt. Lange bevor ich die ersten Holmes-Romane und -Erzählungen las hatte ich schon einige der Verfilmungen mit Basil Rathbone in der Rolle des Meisterdetektivs gesehen, dessen Holmes ein ernster, disziplinierter, kultivierter und geradezu asketischer Mann war und mein Bild des genialen Schnüfflers nachhaltig prägte. Downey jr. spielt ihn hingegen als spleenigen, etwas intriganten und leichtlebigen Kauz; einen genialen, etwas blasierten Nerd, der kaum dem gesellschaftlichen Ideal seiner Zeit entsprochen haben dürfte. Welcher der beiden Holmes dem von Arthur Conan Doyle erdachten und beschriebenen näher kommt mag jeder selbst entscheiden - wenn es ihm denn wichtig ist. Downey jr. ist jedenfalls ohne Zweifel der sympathischere Holmes. Und man nimmt ihm auch den von Doyle beschriebenen Kokainkonsum, aus naheliegenden Gründen, weit eher ab als Rathbone. Vielleicht ist eine Spur von Auguste Dupin in ihm, dem französischen Meisterdetektiv aus der Feder Edgar Allan Poes (u.a. 'Murders in the Rue Morgue'), der Doyle zur Erfindung seines kriminalistischen Überfliegers inspirierte.
Wie dem auch sei, es ist eine wahre Freude diesem Sherlock Holmes zuzusehen, und ebenso seinem ungewohnt schlanken Faktotum Dr. Watson; ebenfalls exzellent gespielt von dem großartigen Jude Law. Dieses Team ist eine Bank die für etliche vielversprechende Fortsetzungen gut wäre. Auch Rachel McAdams überzeugt mit Charme und dem nötigen Esprit bei ihrer Darstellung der Irene Adler, Holmes' mehr oder minder verhalten angebeteter Teilzeit-Gegenspielerin. Sein eigentlicher Widerpart aber, der perfide Lord Blackwood, wird von Mark Strong mit einnehmend dämonischer Aura verkörpert. Auch er überzeugt.
Am Cast liegt es also kaum, dass dieser Film durchaus Schwächen hat. So ist es nicht nur der Name, der mich denken lässt, dass Lord Blackwood weniger dem literarischen Universum Doyles als dem seines Landsmanns Edgar Wallace entsprungen ist. In Wahrheit soll der "Baron Schwarzwald" aber wohl einen Seitenhieb auf Nazi-Deutschland darstellen, was auch an seinem Auftreten kaum zu übersehen ist. Obendrein drängen sich nicht selten Assoziationen zu einem weiteren Literaten des Empires auf: Ian Fleming. Was sogar in einem mehr oder minder subtilen Beißer-Revival gipfelt, in Form des französischsprachigen Ganovenhünen Dredger. Auch ist das London dieses Films mitunter eine Spur zu sehr Hochglanz-CGI, will sagen überproduziert und künstlich. Vom überfrachteten Plot nicht zu reden. Regisseur Guy Richie ist offenkundig allzu sehr den Verlockungen des Budgets und der Möglichkeiten einer großen Hollywood-Produktion erlegen. Etwas weniger wäre hier und da mehr gewesen.
Nichtsdestotrotz hat mich dieser Holmes glänzend unterhalten. Das eine oder andere Auge zuzudrücken musste man schließlich schon immer bereit sein, wenn man Holmes bei seinen Ermittlungen folgte und er beispielsweise Verbrecher überführte, weil sie Sand unter den Schuhen hatten der nur in einer ganz bestimmten Gegend einer Wüste in einem fernen Land der Erde vorkommt. Sozusagen 1845er Südhang, Spätlese. Ritchie treibt es sogar noch auf die Spitze und lässt Holmes selbst im körperlichen Zweikampf von seinen analytischen Fähigkeiten profitieren.
Für gestrenge Anhänger werkgetreuer Verfilmungen stellt dieser Film also keine glückliche Wahl dar, denn es ist eine sehr gewagte Neuinterpretation des altbekannten Stoffes, die Ritchie gewohnt rotzfrech, ungehobelt und unverkrampft, und mit viel subtilem Wortwitz inszenierte. Mir gefällt das obwohl es nicht vollends geglückt ist. Die Qualität seiner früheren Meisterwerke wie "Snatch" oder "Bube, Dame, König, Gras" hat er mit "Sherlock Holmes" jedenfalls, trotz oder vielleicht auch u.a. gerade wegen der fulminanten Technik, nicht erreicht.
Die ebenfalls für einen Sherlock-Holmes-Film ungewohnt volkstümlich, um nicht zu sagen proletarisch anmutende Filmmusik stammt von Hans Zimmer und unterstreicht den gegen den Strich gebürsteten Charakter dieses Films vollendet und stimmig. Wenngleich auch sie manchem erstmal zu beißen geben mag (
Sherlock Holmes von Hans Zimmer).
Bild und Ton der DVD sind hervorragend. Letzteres auf Deutsch und Englisch in Dolby 5.1. Untertitel sind in Deutsch und Englisch, jeweils für Hörgeschädigte, vorhanden. Als Extra gibt es lediglich eine Featurette mit dem Titel "Der moderne Sherlock Holmes", eine kleine Doku, die zwar ganz interessant ist, in der aber auch ein paar fragwürdige Behauptungen aufgestellt werden.