Dieser Roman ist ein guter Abschluss der Indien-Geschichte um den jungen Richard Sharpe. Der Hintergrund ist die Fortführung und der Abschluss des in den ersten beiden Büchern (Sharpes Feuerprobe, Sharpes Sieg) begonnenen Feldzuges. Die militärische Handlung ist recht gradlinig. Einer schnellen Eroberung einer Stadt folgt der Marsch bis zur Bergfestung, in die sich die Inder zurückgezogen haben. Auch hier keine übermäßige Dramatik, die Briten erkunden die Gegebenheiten, legen drei Angriffsrouten fest, bauen "mal eben" eine Straße zum Transport der Artillerie, bringen diese mit Hilfe der Pioniere in Stellung und beginnen als alles fertig ist unmittelbar mit dem Angriff. Der Angriff verläuft zuerst planmäßig, stockt dann und kommt durch Initiative der Soldaten vor Ort wieder in Gang und ist am Ende ein Erfolg. Der ganze Ablauf scheint, wie ich es von Cornwell aus den Vorgängerbüchern gewohnt bin, den historischen Tatsachen zu entsprechen. Natürlich muss er seinen Helden in diese Handlung integrieren. Zu den Problemen hat er etwas im Nachwort geschrieben, ich finde er hat das diesmal überzeugend gelöst. Auch in diesem Buch habe ich es wieder genossen, nach der Romanhandlung im Nachwort einiges zu den historischen Hintergründen und den Abweichungen des Romans von der realen Geschichte zu lesen.
Die Beschreibung des Richard Sharpe hat mir in diesem Buch sehr gut gefallen. Er ist zwar in die Offiziersränge aufgestiegen, dort aber nicht richtig glücklich. Er wird von vielen der anderen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften nicht akzeptiert wird, weil er in ihren Augen eben kein "echter" Offizier, sondern nur ein Aufsteiger aus den Mannschaftsdienstgraden ist. Diese Probleme ziehen sich durch das ganze Buch. Sehr schön ist auch, wie gutwillige Vorgesetzte die Spannungen erkennen und versuchen sie im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten zu beheben. Am Schluss des Buches steht Sharpe mit einer Versetzung zu einer neu aufgestellten Einheit nach Europa da und wird sich daher einem neuen Abschnitt seines Lebens stellen müssen. Insgesamt ist Sharpe in diesem Buch durchweg auf der Suche nach seinem Platz in der Armee. Zu Anfang schwankt er zwischen dem Wunsch an echten Kämpfen teilzunehmen und seiner Angst davor. Er zeigt wieder ein Talent für Versorgung und Logistik und wünscht sich manchmal die ruhige Zeit als Assistent eines Verwalters der Waffenkammer zurück. Als seine alten Feinde ihm eine Falle stellen, verschwindet er zeitweise aus dem Blick seiner Vorgesetzten, handelt außerhalb der normalen Hierarchie auf eigene Faust und integriert sich zu Beginn des Angriffs auf die Festung wieder in die Truppe. Vor allem während der Zeit des eigenständigen Handelns hat es mir sehr gut gefallen, dass Sharpe realistischerweise aus einer lebensbedrohlichen Situation nur durch Hilfe seiner Freunde entkommen konnte. Der ganze Angriff auf die Festung ist sehr spannend, direkt, mitreißend und in weiten Teilen aus der Sicht Sharpes geschildert. Vor Beginn des Angriffs glaubt man noch den Überblick zu haben und quasi "von außen" auf den Plan zu blicken. Dann wird man aber wie die Hauptperson selber mitten ins Geschehen geworfen und sieht alles nur noch aus verkürztem Blickwinkel und "von innen". Der Blickwinkel wechselt sozusagen von der "Strategie"-Ebene in die "Ego Shooter"-Ebene. Plötzlich steht man zusammen mit Sharpe vor den Mauern der inneren Festung, realisiert dass der Angriff gerade dabei ist mit sehr großen Verlusten zu scheitern und sucht nach einer Lösung. Da Sharpe der Held des Buches ist, liefert natürlich er die zündende Idee zur endgültigen Erstürmung der Festung und die ganze Handlung nimmt wieder enorm Fahrt auf. Wie gesagt, sehr spannend geschrieben, sehr realitätsnah, sehr überzeugend.
Warum habe ich dann nicht fünf Sterne vergeben? Zum einen wäre es schöner gewesen, die drei Bücher, die in Indien spielen als eines zu veröffentlichen. Der Spannungsbogen wäre besser gewesen, da das
erste recht spannend und schnell ist, das
zweite aus meiner Sicht etwas ruhiger ausfällt und das dritte dann wieder sehr spannend wird. Und selbstverständlich kann man den mittlerweile dritten "endgültigen dramatischen" Tod von Sharpes Feind Sergeant Hakeswill nicht mehr ernst nehmen. Vollkommen unverständlich bleibt, dass Sharpe ihn nach zwei gescheiterten Versuchen nicht ganz simpel absticht oder niederschießt. Cornwell kann es doch besser, wie er bei anderen Szenen (u.a. beim Tod von Colonel McCandless im zweiten Indien-Buch und beim Tod von Leutnant Dodd in diesem Buch) bewiesen hat.