Das Positive zuerst: Der Autor bietet dem Leser die Möglichkeit, über einige essentielle Fragen der persönlichen Lebenskultur zu reflektieren. Dabei geht es um Achtsamkeit, Entschlußkraft, Selbsterkenntnis... Wunderbar, und grundsätzlich sicher hilfreich, denn das Nachdenken über diese Themen birgt ein großes Potential für inneres Wachstum und Reifung. Was noch? Das Buch ist gut produziert und schön gestaltet.
Aber: Das große Defizit dieses Buches besteht darin, daß der Autor weder ein wirklicher Kenner der Shaolin-Kampfkunst noch des Buddhismus ist. Das behauptet er zwar auch nicht, aber das macht die Sache nicht besser, denn es haben sich Fehler in den Text geschlichen, die das ganze Projekt gefährden.
Da sind zum einen Fehler, die das Historische betreffen. Moestl behauptet beispielsweise, die Shaolin-Mönche hätten die an Tierbewegungen orientierten Kampfstile entwickelt, um die wilden, angriffslustigen Tiere, die in der Umgebung Shaolins lebten, abzuwehren, indem man sie quasi mit ihren eigenen Waffen (sprich Kampftechniken) schlägt. Tut mir leid, das ist absoluter Mumpitz. (Die Tierbewegungen in traditionellen Tänzen, Heil- und Kampfbewegungen haben in China wie überall schamanistische Ursprünge.)
Nun liest man ein solches Buch nicht wegen seiner historischen Genauigkeit, doch auch, was die Realität der Kampfkunst anbelangt, sind die Aussagen des Autors unseriös, z.B. wenn er an anderer Stelle versucht, die in einer vermeintlichen Schwäche liegende Stärke zu verdeutlichen, indem er behauptet, ein Zehnjähriger, der die Shaolin-Kampfkunst erlernt hat, könne fünf erwachsene Männer in die Flucht schlagen.
Das Bedauerliche an solcher Argumentation ist nicht ihre offensichtliche Naivität und Fehlerhaftigkeit, sondern, daß sie etwas verdunkelt, was durch das Buch eigentlich erhellt werden sollte. Und hier liegt, meiner Ansicht nach, das eigentliche Versagen des Autors.
Buddhistische Mönche entwickeln ihre geistige Stärke, ihren Mut, ihr Mitgefühl, ihre Achtsamkeit nicht, indem sie Glückskekssprüchen der Marke "Lerne, Eile mit Langsamkeit zu besiegen" folgen. Was der Autor scheinbar völlig übersehen hat, ist die Kultur spiritueller Übung, die zur erwünschten Klarheit und inneren Stärke führt.
So wird beispielsweise der Einfluß und die Methodik der (Chan/Zen-) Meditation ebenso wenig erwähnt, wie die Tatsache, daß buddhistische Mönche einen großen Teil ihrer Seelenruhe gerade aus einem auf besondere Weise geschulten ethischen Bewußtsein beziehen. Wie diese Schulung erfolgt, davon erfahren wir bei Moestl nichts.
Es wäre spannend gewesen, etwas über den Umgang mit Tod, Krankheit und Angst zu erfahren, statt dessen erzählt uns der Autor etwas darüber, wie wir angeblich lernen, beim Abschluß eines Handyvertrags nicht übers Ohr gehauen zu werden.
Das Buch verpasst nicht nur die Chance, die wirklichen Hintergründe für die Souveränität eines buddhistischen Mönchs zu beleuchten, sondern gibt darüber hinaus fragwürdige Empfehlungen, beispielsweise wie man einem Konkurrenten den Job wegschnappt und sich ganz allgemein gesprochen inmitten der Ellbogengesellschaft nicht die Butter vom Brot nehmen läßt.
Das alles hat mit Chan/Zen- oder Shaolin-Training des Geistes allerdings nichts zu tun, sondern führt an einigen Stellen des Buches im Gegenteil in die verkehrte Richtung, ein schwaches, weil falsches Bild der eigenen Natur noch zu stärken. Man könnte glauben, der Autor wendet die eigenen (oft leider reichlich trivialen) Ratschläge der Manipulation direkt auf den Leser an, indem er unter dem berühmten Label SHAOLIN etwas verkaufen will, das in Wahrheit nur an der Oberfläche des Themas kratzt.