Der australische Gewaltverbrecher Lindsay strandet nach seiner spektakulären Flucht in Bombay, versucht sich dort durchzuschlagen und landet schließlich in einem Slum nahe dem gerade im Bau befindlichen World Trade Center. Westliche Aussteiger, arabische Imigranten und die Herzlichkeit der Inder in der brodelnden Metropole ziehen ihn immer mehr in Bann. Allen voran der immer lächelnd-freundliche Prabaker mit seinem gebrochenen Englisch, die geheimnisvolle Schweizerin Karla - in die er sich verliebt -, Abdullah, der verwegene Iraner, der ihn mit Kader Khan, einen mächtigem Mafiaboss, zusammen bringt. Die Monate im Slum, in denen Lindsay als Arzt arbeitet (obwohl er nur einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat) sind wohl seine schönsten. Freude und Leid liegen millimeternah beieinander, so wie Herzlichkeit und Hass. Vor allem aber auch tiefe Alltagsweisheit prägt das Leben der Menschen.
Lindsay gerät aufgrund einiger Machenschaften in ein indisches Gefängnis (die Schilderung seines Aufenthalts lässt jene im Buch Papillon als Vorzeigehaftvollzug erscheinen) und schließt sich dem verbrecherischen Clan an. Dabei gerät er auch in die Fronten des afghanischen Befreiungskrieges gegen die sowjetischen Invasoren. Mehrmals schrammt er nur mit Mühe am Tod vorbei, leidet unsagbar, gewinnt und verliert die besten Freunde.
Es ist eine autobiographische wirkende Geschichte, die uns hier präsentiert wird; was davon wahr und was Fiktion ist, lässt sich nur erahnen. Zu real wirken die Beschreibungen auch in ihren brutalsten Momenten, deren es nicht zu wenig gibt (also nichts für schwache Gemüter), vor allem aber in den Charakterzügen der Menschen, alle voran der Inder aus den Slums.
Aber auch die negativen Gestalten, den Ich-Erzähler eingeschlossen, der seine verbrecherische Vergangenheit mit Drogensucht erklärt aber nicht entschuldigt, sind facettenreich: der philosophierende Khan als Ersatzvater, der heldenhafte Abdullah, der homosexuelle Vikram, die ehemals drogenabhängige Lisa und natürlich die unnahbare Karla, deren Geheimnis sich erst auf den letzten Seiten ergründet. Die indischen Slumbewohner - allen voran Prabaker - bleiben aber unbefleckt.
Roberts erzählt uns eine Abenteuergeschichte, aber auch einen Entwicklungsroman zur Selbstfindung des Protagonisten. Er beschreibt detailreich die mafiose Subkultur und die Gemütsverfassung der Gestrandeten mit ihren teilweise tragischen Schicksalen. Er schafft spannenden, skurilen, komischen Szenen, Passagen mit philosophisch-poetischen Betrachtungen, wunderbaren Beschreibungen, völlig ungeniert dabei bisweilen die Grenze zum Kitsch deutlich überschreitend.
Er versucht - das spürt man - mit dem Schreiben sein Leben selbst neu zu ordnen, zu erfassen, was passiert ist und wie er sich gewandelt hat. Absätze triefender Poesie wechseln mit Stellen unglaublicher Brutalität, hin zu detailreichen, nie langweiligen Beschreibungen bis hin zu kurzen Kommentierungen, die in ihrer Abruptheit geradezu schroff wirken.
Auch wenn seine poetischen Versuche mitunter aufgesetzt wirken, man verzeiht es Roberts gerne, denn sie vermitteln das Gefühl größerer Authentizität, als wenn hier ein großer Romancier am Werk wäre. Da schreibt einer eben ungeniert, fragt nicht nach, sondern tut was er für richtig hält, so gut er es eben kann - und das ist für einen Ex-Knacki verdammt gut. So sind knapp 1.100 fesselnde Seiten entstanden, über eine Selbstfindung, einen Kulturkreis, ein Abenteuergeschichte und die Liebe zur indischen Kultur - Ingredienzien eines Romans, die mich in vielem an Karl May (Altersfreigabe aber erst ab 16 Jahren) erinnern. Vielleicht hat mir der Roman auch deshalb so gut gefallen.