In fast all seinen Filmen konstruiert Zhang Yimou sein Sujet um bestimmte Frauenbilder. So auch in Shanghai Serenade, wo er ein die Sinne betäubendes Gemälde um die gefeierte Sängerin Xiao entwirft, die in einem mondänen Nachtclub im Shanghai der 30er Jahre die Hauptattraktion ist. Ihr Geliebter ist der einflussreiche Triaden-Boss Tang. Als Tangs Feinde dessen Anwesen überfallen, flüchtet er zusammen mit Xiao und ihrem 14-jährigen Diener Shuisheng, aus dessen Perspektive der Film erzählt wird, auf eine entzivilisierte Insel vor Shanghai. Sie wiegen sich in der Hütte einer Frau, die dort zusammen mit ihrer kleinen Tochter Ah Jiao lebt, in trügerischer Sicherheit.
Shanghai Serenade war der letzte Film, den Zhang Yimou zusammen mit seiner Muse und damaligen Lebensgefährtin Gong Li drehte, bevor sich das Paar sowohl beruflich als auch privat trennte. Erst 11 Jahre später im Jahr 2006 drehten sie in dem opulenten Epos "Der Fluch der goldenen Blume" wieder gemeinsam. In Shanghai Serenade inszeniert Yimou in einem klaustrophobischen Universum von ineinander verschachtelten Existenzen diese Nachtclub-Chanteuse Xiao (grandios gespielt von eben jener Gong Li) wie eine geträumte Halluzination, die in Form einer launischen, zappeligen und unnahbaren Diva ausgestattet mit göttlicher Schönheit dermaßen unreal ist, dass sie gar nicht echt sein kann. Sie wirkt auf den Zuschauer in ihrer bewusst erzeugten Unwirklichkeit wie eine transzendente Emanation. Denn diese männermordende Femme Fatale, die völlig von ihrem ureigenen "Ich" entrückt und entfremdet ist, ist in ihrer betont schnippischen Laszivität nichts weiter als das abgerichtete, künstliche Produkt der Machtphantasien des Triaden-Bosses. Weil sie diese mächtige Abhängigkeit auch selbst spürt, ist sie zwangsläufig verdammt dazu, an sich zu zerbrechen. "Hier sitze ich, forme Menschen nach meinem Bilde", sagt Tang über Xiao, die zu keinem Zeitpunkt der Handlung auf dem Boden der Realität angekommen ist. Weder im Nachtclub noch in der in Naturschönheit getränkten Idylle dieser archaischen Insel. In diesem Refugium trifft sie auf die kleine Ah Jiao, die sich in einer kindlich naiven Vorstellung von einem besseren Leben von dieser Glitzerfassade aus Pelz und Schmuck von Xiao blenden lässt und fortan "...genauso werden möchte wie die Miss.". Was bei dem Triaden-Boss, der in der Lage ist, so eine Xiao beliebig oft nach seinen Vorstellungen zu "reproduzieren", auf offene Ohren trifft. Denn das Mädchen hat nicht nur die gleiche naturschöne Anmut Xiaos, sondern singt auch ähnlich gut wie sie. Und genau in diesem Punkt entblößt sich auch der tiefere Kern des Films, der den Diskurs zwischen armer Landbevölkerung und reichen Großstädtern exploitiert, der in China seit jeher eine so große Rolle spielt. Denn auch Xiao immigrierte einst, genauso wie der 14-jährige Shuisheng und nun Ah Jiao, in der Hoffnung auf ein besseres Leben vom armen Land in die glamouröse Stadt nach Shanghai, wo Gewalt nicht nur das Problem sondern auch die Lösung aller Konflikte ist. Die Existenz dieser Menschen gerät mitten in diese mörderische Blutfehde der Triaden hinein, die den gewalttätigen Hintergrund zur äußeren Schönheit Xiaos und den pittoresken Bildern stellt. Ohne aber dass Yimou die Brutalität groß inszeniert. Er geht den unkonventionellen Weg und kehrt in einem genialen Finale, in dem ein unvorhersehbares Intrigenspiel entblößt wird, inmitten des tödlichen Kampfes der Triaden völlig überraschend Tugenden wie Barmherzigkeit und Menschlichkeit heraus. Mit viel Gespür für Farbkompositionen zeichnet Yimou in seinen Bildern die Gegenkontraste: Das Spiel aus Nähe und Distanz. Die ländliche und stille Idylle einer Insel gegen die kalte und laute Stadt, die kaum Raum für echte Gefühle lässt. Sowie die äußere anmutige Schönheit Xiaos gegen deren innere emotionale Abgestumpftheit.
Das Bild der DVD hat manchmal grobkörnige und unscharfe Texturen, was gerade bei den sehr schönen Aufnahmen auf der Insel (die fast wie Dürer-Gemälde der Kategorie "Selbstbildnis mit Landschaft" wirken) etwas ins Auge fällt.