© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
"Sie sind alle abstrakt", so Josef von Sternberg über seine Filme in einem (übrigens reichlich skurrilen) Interview gegenüber Peter Bogdanovich. Ob es wohl daran liegt, dass mir nur so eine formelhafte Rezensionsüberschrift eingefallen ist? Fest steht: Die von Sternberg-Dietrich-Filme sind eine Sorte für sich, in einer bestimmten Weise perfekt - aber es lässt sich ein bißchen grübeln, ob man diese Weise sehen will. An diese Filme muss man sich gewöhnen, sie sind nicht leicht zugänglich. Inhaltlich schon (manche sind geradezu hanebüchen, dieser hier geht noch), aber nicht ästhetisch und emotional. Gerade "Shanghai Express" ist eine muntere Aneinanderreihung von Sternbergismen, Dietrichismen und Bantonismen (Travis Banton war der Kostümbildner). Ein Zug von Peking nach Shanghai wird von Rebellen überfallen, was zum Lackmustest für die Frage wird, ob ein Pärchen wieder zusammenfinden kann. Ein englischer Offizier (Clive Brook) hatte vor Jahren eine Beziehung zu einer Madeleine, die hinterher zu einer Lebedame (vulgo Prostituierte) geworden ist und sich nun Shanghai Lily nennt (Marlene Dietrich). Erst im Zug sahen sie sich unerwartet wieder, wobei recht schnell klar ist, dass sie innerlich nie voneinander losgekommen sind. Der Überfall verkompliziert die ganze Angelegenheit noch, gibt aber auch den vielen kleinen und großen kleinen Schicksalen der anderen Mitreisenden Raum, fast wie in einem Kidnapping-Ensemble-Film à la "Der versteinerte Wald". Das ist schon einmal ganz schön und teilweise wirklich anrührend, was bei von Sternberg ehrlich gesagt nicht gerade zu erwarten war. Der Mann hat - auch hier - nämlich gewisse Tendenzen, Kunst mit Künstlichkeit zu verwechseln und Stil über Menschen und Erzählen zu stellen. "Schauspieler sind nur Farbkleckse auf der Leinwand"; im Gegensatz zu Hitchcocks "Schauspieler sind Vieh" ist dieses Zitat von Sternbergs nun wirklich beweisbar, und nichts drückt besser die genannten Gefahren eines Sternberg-Filmes aus. Von daher ist erfreulich, dass der Mann dies zumindest in einigen Nebenfiguren wie einem französischen Ex-Offizier voll und ganz widerlegt.
Bei den Hauptfiguren gelingt es ihm hingegen nicht immer. Die Dietrich ist natürlich faszinierend und sehr originell fotografiert und kostümiert, aber das scheint mir doch eher etwas für den Akademiker als für den Emphatiker zu sein. Dietrich in Großaufnahmen mit dem Führungslicht von oben, Schmetterlingsschatten unter der Nase. Dietrich von vorne (sie wusste, dass ihr Gesicht so ebenmäßiger wirkte als im Profil) mit Schattenwurf unter den Wangenknochen, fast schon wie Gene Tierney später bei Otto Preminger. Dietrich im Halbschatten, Dietrich hinter Schleiern, Dietrich nutzt sogar noch scheinbar banale, natürliche Gegenstände wie Türrahmen zur Pose. Nein, Dietrich IST eigentlich Pose, und Dietrich hat exorbitante Kostüme. Von Sternberg hatte es ja schon immer mit Federn, "Feathers" hieß sogar einmal eine federgeschmückte Frau in "Underworld" aus der Vor-Dietrich-Zeit, und Federn trägt nun auch Shanghai Lily. Oder den voluminösesten Nerzkragen aller Zeiten, nur noch von ihrem Muff aus "The Scarlett Empress" getoppt, bei dem mit von Sternberg und Banton endgültig die Gäule durchgegangen waren. Das alles hatte bei mir jedoch einen reichlich seltsamen Effekt, der die negativen Saiten des Sternberg Factor zum Klingen bringt, wenn auch nicht besonders laut: Die Frau wird unglaublich unnahbar, der Film wird kalt. Sicherlich, so war das damals mit dem Glamourkino, man muss sich drauf einlassen oder es damit bleiben lassen. Aber andere Diven waren anders: Die große Dietrich-Konkurrentin Greta Garbo wirkte selbst in ihren schweren Filmen immer einmal erstaunlich leicht und gelöst, besondere Momente waren das - man hatte das Gefühl, sie zeigt etwas nur uns und nicht den anderen Filmfiguren (etwa, wenn sie wie ein kleines Kind vor Verliebtsein in "Grand Hotel" quiekt oder wenn sie sich als "Königin Christine" unbeobachtet und ausgelassen mit Schnee das Gesicht wäscht). Wir waren mit der Garbo allein und gaben uns dieser Illusion mit voller Wonne hin, die natürlich Quatsch ist, aber ein extrem schöner Quatsch. Die Dietrich hingegen wirkt durch diese ganze Künstlichkeit nicht wie eine schöne Illusion der "Traum-Fabrik". Wir können die irren Kadrierungen und Ausleuchtungen von Kameramann Lee Garmes und die schicken Posen goutieren, aber die Dietrich setzt sich immer ab, auch von uns. Selbst in einer wuselnden (studiokünstlichen) Menge sticht sie immer durch Kostüme und Gestus abgeschottet heraus. Dass diese Rechnung nicht aufgeht, zeigt am besten die Entscheidung für Federn: "Shanghai Express" ist vieles, aber federleicht nun wirklich nicht. Eher fragt man sich, wie Clive Brook (oder der Zuschauer in seiner Fantasie) diese Frau einmal umarmen oder küssen soll. Die Federn als Panzer, das scheint mir nicht zu passen. Der Nerzkragen als Rahmen fürs Gesicht, künstlerisch sicherlich gut gelungen, auch dieser Kniff, dass außer dem Gesicht alles andere im Dunkeln bleibt, selbst der Hals, aber das ist eher verfremdend als erotisierend, wie ein Ausschnitt statt wie ein Mensch. Ich glaube also, dass die Glamourkniffe in einem von Sternberg-Dietrich-Film nicht unbedingt massiver sind als in anderen A-Filmen dieser Zeit, sondern dass sie eine andere Wirkung haben: Distanz statt des schönen Scheins von irreal schöner Nähe. Dazu passt, dass von Sternbergs Manie, oft nur Ausschnitte statt ein Gesamtbild zu filmen, einen ähnlichen Effekt hat: Ist objektiv allemal interessant, aber so penetrant eingesetzt, dass eher der durchsichtige Eindruck von Studiokünstlichkeit als der Zauber einer ganz eigenen Welt (die ja nicht real sein muss) entsteht.
Immerhin, vielleicht hat das Ganze ja doch Methode, denn in der zweiten Hälfte macht Shanghai Lily eine Wandlung durch, und hier harmonieren Inhalt und Stil aufs Schönste. Die wirklich gelungenen, faszinierenden und auch berührenden Großaufnahmen und Posen der Dietrich finden sich sämtlich in der zweiten Hälfte, und hier öffnet sie gleichsam ihren Kostüm- wie ihren seelischen Panzer. Das hat Klasse und wirkt nicht nur durchdacht, sondern erreicht einen endlich einmal auch auf der emotionalen Ebene. Bevor sich im Finale entscheiden muss, ob diese Wandlung von Dauer sein wird, hat Lily ihren Panzer wieder angelegt, so dass die Frage bis zum Schluss spannend ist und von Sternberg/Banton geschickt eine Irritation streuen: Während Züge ja eigentlich von A nach B fahren, scheint Lily, obschon Shanghai nun erreicht ist, im Kreis gefahren und nirgendwo "angekommen" zu sein. Oder doch? Lassen Sie sich überraschen. Überwiegend ein faszinierender Film, dessen Manieriertheit jedoch gelegentlich zu sehr ablenkt und sich distanzierend zwischen das Leinwandgeschehen und den Betrachter schiebt, statt einen magischen Sog zu erzeugen, der genau das Gegenteil tun sollte.