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Der Sex kann es nicht sein. Coco masturbiert zwar recht oft, aber alles wird nur dezent angedeutet -- genauso wie die drei, vier Liebesnächte mit ihrem deutschen Lover (der chinesische ist sowieso impotent). Vielleicht ist es der völlig verwestlichte Lebensstil Cocos und ihrer Freunde aus der Kunst- und Kulturszene: Sie tanzen zu Techno, schauen Hollywood-Filme an, konsumieren ausschließlich Platten und Bücher aus dem Westen. Eine epigonenhafte Bewunderung unserer Kultur zieht sich via Namedropping durch den ganzen Roman. Zum Beispiel sind jedem der 32 Kapitel zwei, drei Zitate vorangestellt -- von Bob Dylan über Allen Ginsberg bis zu Mutter Theresa. Kein Wunder, dass man über chinesischen Alltag und Tradition überhaupt nichts erfährt. Die Geschichte könnte genauso in Sydney oder Madrid spielen. Und was in China vielleicht als wild, dekadent oder tabulos durchgehen mag, entlockt uns hier nur ein gelangweiltes Gähnen. Dass eine Frau ihren Partner betrügt und an Gewissensbissen leidet, ist seit den Zeiten Madame Bovarys ein alter Hut. Um uns für Coco und ihr doch recht banales Leben zu interessieren, müsste Wei Hui, die im Nachwort bekennt, sich "einfach alles von der Seele" geschrieben zu haben, wenigstens stilistisch mehr als nur Magerkost bieten.
Von wegen "erotischer Skandalroman"! Henry Miller würde sich im Grab umdrehen. Aber zumindest ist Wei Huis Wunsch in Erfüllung gegangen: einen Bestseller schreiben, "damit ich genug Geld für eine Europareise habe". --Christian Stahl
'Shanghei Baby' ist flüssig geschrieben und überzeugt mich durch die vielfältigen, interessanten Charaktere sowie der sehr genauen, sensiblen Beschreibung der Hauptdarstellerin. Hervorragend aufgezeigt wird das Dilemma von Coco, die zwischen der tiefen Liebe zum intellektuellen, des Geschlechtsverkehrs unfähigen Tiantian und der sexuellen Erfüllung mit dem Deutschen Mark hin- und hergerissen wird.
Darüber hinaus kommen einige Persönlichkeiten ins Spiel, die dem Roman zusätzliche Würze geben.
Auch das Verhältniss zwischen Chinesen und Ausländern kann Wei Hui auf interessante Weise vermitteln.
'Shanghai Baby' ist ein sehr unterhaltsames, aber keinesfalls oberflächliches Buch.
Fast meint man, die Hauptdarstellerin Coco als gute Freundin zu haben, die einem all das erzählt, was ihr widerfährt. Eigene Phantasien entstehen, wenn sie ihre Empfindungen und Hoffnungen darlegt, ihre Erfahrungen, Enttäuschungen, aber auch ihre Lust formuliert und auslebt, selbst wenn es eine Lebenspraxis zeigt, die so ganz anders, als die eigene ist.
Es ist für mich keinesfalls der so umwerfende Roman, das literarische Meisterwerk, wie manche es nannten, aber es ist eine gut zu lesende und keineswegs triviale Beschreibung eines modernen Frauenlebens - interessant, emotional und spannend.
© Uli Geißler, Freier Journalist, Fürth/Bay.
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