Wer hofft, in "Shanghai Baby" den Reiz des Exotischen vorzufinden, wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Die chinesische Autorin Wei Hui zeigt deutlich und offen das Lebensgefühl ihrer Generation, welches der westlichen offensichtlich nahezu gleicht. Obwohl sie bemüht ist, eine Verbindung zwischen den Personen des Romans und den typischen Besonderheiten Chinas und Shanghais herzustellen und ihr dies an einigen Stellen auf sehr poetische, schöne Weise gelingt, verlässt einen nicht das Gefühl, dass der Handlungsort auch gut woanders hätte liegen können. Der an einigen Stellen angedeutete Zauber und Charme, den Shanghai versprühen muss, hätte mehr ausgereizt werden können. Etwas nervig und aufgesetzt wirkend ist die häufige Beteuerung der Autorin, wie westlich und modern der Lifestyle dieser Kinder des heutigen Shanghais doch ist.
Gefühlvoll, manchmal leider auch ein bisschen zu kritiklos, begegnet Wei Hui ihren Charakteren. Zunächst eher weniger sympathisch auftretend, wecken die handelnden Personen, allen voran die Heldin und Ich-Erzählerin Coco, bald schon Verständnis und Respekt beim Leser. Auf leise Art tragisch ist die Liebesgeschichte. Zwar sind die auf so wunderbar natürliche und ungekünstelte Art beschriebenen Einsichten und Gedanken zum Thema Sex und Liebe, wofür das Buch wohl in China verboten wurde, nichts wirklich Neues in der Literatur, doch trägt ihre Selbstverständlichkeit maßgebend zu der auch vom Leser gespürten Ehrlichkeit, die von "Shanghai Baby" ausgeht, bei. Überzeugend wird so die Entwicklung Cocos, die sich auf der Suche nach sich selbst befindet, dargestellt.