Dies ist die erste Staffel einer inzwischen 7-staffeligen Serie, die in England seit 2004 mit großem Erfolg auf einem privaten Sender läuft. Die Serie erzählt Geschichten rund um die englische Arbeiterfamilie Gallagher, die im fiktiven sozial schwachen Stadteil Chatsworth Estate in Manchester wohnt. In der ersten Staffel beseht die Familie aus dem Vater Frank, den Töchtern Debbie (ca. 10) und Fiona (ca. 20), den Söhnen Lip (ca. 16), Ian (ca. 15), Carl (ca. 10) und Liam (2). Die Mutter hat die Familie vor einigen Jahren verlassen (warum, wird im Laufe der Staffel erzählt). Der Vater Frank ist ein arbeitsloser Trinker, der sich kaum um die Familie kümmert, welche hauptsächlich von Fiona gemanaged wird. Sie ist als einzige voll berufstätig, die anderen Kinder gehen bis auf den Kleinsten zur Schule und haben z.T. Nebenjobs. Weitere wichtige Figuren sind Fionas Freund Steve (Kind reicher Eltern und Autoddieb,) das Paar Kevin (Bartender in Franks Stamm-Pub "Jockey") und Veronica, der pakistanische Ladenbesitzer Kash Karib (der Frau und zwei Kinder hat, aber auch ein Verhältnis mit Sohn Ian), sowie Mutter und Tochter Sheila und Karen Jackson (erstere ist Agoraphobikerin und verliebt sich in Vater Frank, der bei ihr einzieht); zweitere ist zunächst Freundin von Sohn Lip, dann auch von Vater Frank).
Wie so viele Serien ist auch dies eine Mischung aus kleineren, abgeschlossen Geschichten und längeren Erzählsträngen. Dramaturgischer Ansatz ist dabei eine Mischung aus milieunaher Realität, ironischer Übertreibung dieser und einer guten Prise gänzlich realitsferner Skurrilität. In den kleineren Geschichten geht es z.B. um Ärger mit Geldeintreiber, eine Hochzeit der Nachbarn Kevin und Veronica, ein Verschwinden Franks oder der 'Entführung' eines Kleinkindes durch ein Gallagherkind. Durchgehende Erzählstränge sind z.B. die durch den Klassenunterschied belastete Erziehung zwischen Fiona und Steve, die Verantwortungslosigkeit des Vaters, die Dreiecksbeziehung Vater-Lip-Karen. Eingestreut sind immer wieder kleine Wortwechsel und Mini-Episoden, die die Atmosphäre in einer englischen Arbeitfamilie, die mit viel Mühe, Schmerz und Sorgen, aber auch Zusammenhalt, Einfallsreichtum und derb-britischem Mutterwitz durchs Leben kommt (das tägliche Chaos am Frühstückstisch, kleinere Diebstähle, Wortwechsel im Pub, etc.). Recht häufig wird Sexualität eingebaut. Zum einen als echter Anteil von Geschichten (wie bei denen um Vater-Lip-Karen oder der Beziehung von Fiona und Steve), aber z.T. auch rein 'atmosphärisch' ohne echte Funktion in sonstige Abläufe eingebaut.
Schauspielerisch ist es ganz große Klasse. Alle Akteure verkörpern ihre Charaktere überzeugend und eindringlich und bis auf wenige Ausnahmen (der durchgenkallte Vater Frank gelegentlich oder auch Agoraphobikerein Sheila) ohne übertriebene Überzeichnung. Das ist gute britische Schauspielkunst und gut gemacht.
Bezüglich Ausstattung und Kostümen tut man sich leicht, da ja alles in der heutigen Zeit spielt. Photographisch arbeitet man öfters mit Kamera- und Verfremdungseffekten (schräge Kameraperspektiven, schnelle Schnitte), etwas stärker in den ersten der acht Folgen je ca. 50 Minuten, später weniger.
Sowohl Verhalten als auch Sprachstil sind milieuangemessen sehr derb, durchdrungen von (herzlich gemeinten) Beleidigungen, Four-Letter-Words und sonstigen sexuellen Anspielungen. Das Verhalten der Personen ist entsprechend, sowohl was den Umgang mit Alkohol, Sexualität als auch mit einigen gesellschaftlichen Regeln angeht. Dabei wird bei vielen Personen aber auch neben moralische und verhaltensmäßige Zügellosigkeit, ein starkes moralisches Gewissen und ein quasi 'anständiges', bürgerliches Verhalten gestellt (z.B. sind alle Gallagher-Kinder gute Schüler, auch wenn sie zwischendrin mal ein Fahrrad klemmen).
Die Serie versucht eine Mischung aus Humor, Milieuschilderung und Drama hinzubekommen. Nach allgemeiner Kritikermeinung gelingt ihr das sehr gut, ich persönlich bin nicht ganz überzeugt. Die Grundausstrahlung ist eher eine heitere, ironisch-überzeichnende der englischen Arbeiterklasse, die deren Probleme darstellt und nicht ins Lächerliche zieht, aber doch mit einem stark lachenden Auge erzählt. Der humorige Anteil ist denn auch sehr gut entwickelt und oft sehr witzig (wenngleich in dieser Form auch schon in anderen Working-Class-Heroe-Filmen gesehen). Die Harmonie mit den eingebauten menschlichen Dramen und ernsten Themen gelingt für mich aber oft nicht überzeugend. Da geht durch die ironische Grundausstrahlung und durch die z.T. skurrile Überzeichnung der Figuren einiges verloren und man ist durch die Sorgen und Leiden der Personen berührt, aber weniger als dies sein könnte und gerechtfertigt wäre. Trotzdem bleibt es, auch wenn es nicht perfekt gelingt, eine innovative und handwerklich in Dialogen und Erzählstruktur gut bis sehr gut gemachte Serie, der ich deshalb fünf Sterne gebe (wobei man vier auch rechtfertigen könnte).
Etwas stört mich doch auch die ethische Komponente: Angesichts des Milies muss es derb zugehen und man darf keine ethische Akkuratheit erwarten. Ich habe auch kein Problem mit der ironisch-heitern Darstellung von Diebstahl und Betrug, freizügiger Sexualität jeder Art unter Erwachsenen oder auch unter Minderjährigen. In zwei Erzählsträngen geht es aber auch um Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen (einmal sogar mit dem bösen Klischee des jungen Nymphchen, das den zunächst widerstrebenden Erwachsenen verführt). Da muss ich etwas altväterlich-spießig sagen, dass mir das zu weit geht und ich eine Linie überschritten sehe, die mein einhalten sollte. Das ist nicht mehr witzig. Das müsste man mehr problematisieren. Es verärgert macht mich allerdings nicht besonders stark, da ich gleichwohl den Eindruck hatte, dass hier keine problematische ethische Sicht der Macher dahintersteckt, sondern eine andere Auffassung wie weit Kunst in dem gehen darf, was sie darstellt; und hier kann ich unterschiedliche Meinungen akzeptieren.
Zur Sprache: Aufgrund der englischen Untertitel kann man recht gut folgen. Jenseits von Slangausdrücken sind Wortwahl und Satzbau eher einfach und so gut zu verstehen. Bei den Slangausdrücken kann man sich oft aus dem Kontext erschließen, was sie wohl meinen, ohne es zu verstehen. Auch wenn so sicher einiger Wortwitz verloren geht, kann man der Handlung gut folgen und hat Vergnügen an den Dialogen.