Shakti - Göttin und Repräsentantin des weiblichen Prinzips aktiver und dynamischer Macht. Der Titel verweist darauf und weckt Assoziationen, die der Film lange nicht bedient. Er zeigt quälend lange die Ohnmacht der Frau in einem von bewaffneten Despoten kontrollierten Bereich, einem rechtsfreien Raum, in dem die Staatsgewalt zur Polizisten-Witzfigur degeneriert. Dieser Raum heißt hier Familie, Gewalt - Mord und tödliche Revanche - sind an der Tagesordnung, die unbewaffnete unterdrückte Frau nimmt diese Welt als gegeben, fügt sich. Bis eine "Ausländerin" - Nandini - in diese indische Chaoswelt gerät. Sie erleidet, wie es sich für eine tragische Heldin gehört, schwere Verluste: Erst den Mann, dann die Freiheit, ist vom Verlust ihres Sohnes bedroht. Um ihn, seine Zukunft und ihre Freiheit kämpft sie und nach unendlich langem Scheitern zahlreicher Fluchtversuche, Demütigungen und Prügel schafft sie es, die duldenden Frauen aufbegehren zu lassen. Ihre Schwägerin schließlich gibt ihr Leben, damit Nandini die Flucht gelinge. Die Mutter erhebt nach dreißig Ehejahren endlich das Wort gegen ihren despoitschen Mann und bewegt ihn - Wunder! - zur Einsicht, den Enkel vor seiner großväterlichen Erziehung zum mordenden Erwachsenen zu schützen und ihn ziehen zu lassen.
Hier wird auf den üblichen (illusionären) Patriotismus verzichtet, der Kontrast zum Westen (die "Moderne") könnte kaum krasser ausfallen. Mit Nandini, die ihrem Mann nach Indien folgt, werden wir augenblicklich aus einer lebenswerten Ruhe und Ordnung in ein lautes chaotisches Land geworfen, das unmittelbar die Waffen zückt und das Leben des "verlorenen Sohns" bedroht. Indien wird nicht präsentiert als das lang vermisste "Mutterland" wie sonst in den jüngeren Bollywoodstreifen, sondern als chaotische Hölle. Nicht die Moderne bringt den Helden zu Fall, sondern die Mutter des Helden verursacht aus Egoismus seinen Tod, was ihr letztlich auch bewusst wird.
Der Film ist keine leichte Kost. Er ist ein politischer Kommentar des kommerziellen Hindi-Kinos . Die Gewaltszenen unzählbar, die maskuline Häme und Brutalität ist aus weiblicher Perspektive schwer erträglich. Deutlich wird, dass in einem Staat, der das Gewaltmonopol (partiell) nicht durchsetzen kann oder will, keine individuelle Freiheit möglich ist - weder der Männer, noch der Frauen. Macht definiert sich über Waffenbesitz, die letzlich gebrochen wird durch die waffenlose feminine Macht einer Shakti. Rebellische Frauen auf indisch.
Die Dramaturgie, der Film funktioniert, er zieht einen in die Handlung, schmerzt. Dennoch - oder deshalb? - ist er sehenswert.
Nein, es ist kein Film für Fans des sanft plätschernden Bollywood-Kitsch'.
Und doch einer für SRK-Fans, denn seine schauspielerische Leistung kann auch in den wenigen Szenen bewundert werden.