The Knife, das ist das Geschwisterpaar Karin Dreijer Andersson und ihr jüngerer Bruder Olof Dreijer, die bereits seit über 10 Jahren originelle und oftmals wegweisende elektronische Musik aus Schweden liefern, sind zurück. Mit den ersten beiden Alben The Knife" und Deep Cuts" tapste man sich noch etwas unbeholfen durch nicht ganz einheitliche aber recht verspielte Alben, auf denen der ein oder andere radiotaugliche Elektropop-Hit (wie ,Heartbeats` oder ,Pass This On`) zu finden war. 2006 gelang ihnen dann mit dem Album Silent Shout" der große Wurf und der Sound zwischen originellen Popmelodien, spannendem Electro und dämonischen Gesangseinlagen begeisterte gleichermaßen Fans und Kritiker und wird heute stellenweise in seinem Genre als wegweisend betrachtet.
Nachdem Karin zwischenzeitlich als Gastsängerin auf einigen Liedern von Röyksopp präsent war und ein fantastisches Soloalbum unter dem Künstlernamen Fever Ray veröffentlich hat, bringen The Knife nun nach 7 langen Jahren endlich ein weiteres Studioalbum heraus - Shaking The Habitual".
Die gute Nachricht zuerst: Sie können immer noch überraschen. Die schlechte: Der Pop in Electropop ist komplett verschwunden. Für den einen mag das gar keine schlechte Nachricht sein, aber es wäre gelogen zu behaupten, dass man sich nicht insgeheim den einen oder anderen eingängigen Song ,so wie damals` erhofft hat. Shaking The Habitual ist ein Album, das man nicht einfach so nebenbei hört oder von dem man nach dem ersten Durchhören behaupten kann, dass es gut oder schlecht sei. Es ist vielmehr eine Herausforderung, ein Erlebnis und eine spannende Erfahrung, wenn man plötzlich der schier unendlichen Vielfalt der Klangwelten ausgesetzt ist. Mit insgesamt knapp 100 Minuten Spieldauer wirkt das Album extrem überladen und bei einigen Liedern, die fast alle länger als 8 Minuten dauern und stellenweise die 10 Minuten-Marke überschreiten (das instrumentale Ambient-Epos ,Old Dreams Waiting To Be Realized` dauert 19+ Minuten), wünscht man sich manchmal, The Knife hätten früher einen cut gesetzt, damit das Hörerlebnis leichter zu verdauen ist.
Aber genau das ist es, was The Knife erreichen wollten und erreicht haben: Das Gewöhnliche durchschütteln, sich von angemessenen Normen - sowohl in Songstruktur als auch im Text - entfernen und womöglich auch provozieren. Es ist beeindruckend und zugleich beängstigend, dass es ihnen völlig egal zu sein scheint, ob sie damit nun alle Fans vergraulen und die Kritiker das Album in Grund und Boden stampfen werden, so lange sie ihre Message an den Mann bringen. Dennoch, jegliche Bedenken sind unbegründet, da die Kritiker das Album mit Lob zuschütten und auch die meisten Fans die Songs nach dieser langen Knife-Durststrecke gierig aufsaugen.
Die auf dem Album enthaltenen 13 Lieder möchte ich gerne in drei Kategorien aufteilen: die ,eingängigen`, die waghalsigen und die langweiligen.
Die erste Kategorie ist insofern durch Anführungszeichen hervorgehoben, da ich ganz klar darauf hinweisen möchte, dass The Knife-Eingängigkeit nicht gleichzusetzen ist mit z.B. Rihanna oder Katy Perry-Eingängigkeit.
Dennoch stechen der Opener und aktuelle Single ,A Tooth For An Eye` sowie ,Without You My Life Would Be Boring` durch The Knife-typische Karibik-Rhythmen inklusive Banjo und anderen ungewöhnlichen Instrumenten hervor und bieten die Möglichkeit, sich an einem Refrain und dem ausdrucksstarken und außergewöhnlichen Gesang von Karin Dreijer festzukrallen. Des Weiteren überzeugen der letzte Song des Albums ,Ready To Lose` und das mysteriöse ,Raging Lung` auf ganzer Linie, auch wenn ,Raging Lung` trotz fantastischer erster Hälfte und dem besten Refrain des Albums leider in der zweiten Hälfte in instrumentale Belanglosigkeit verfällt. Hier hätte ich mir gewünscht, dass man den Song einfach mal nach 5 guten Minuten beendet und nicht auf Teufel komm raus auf 10 Minuten sprengt, nur um der Gewohnheit zu trotzen. ,Wrap Your Arms Around Me` rundet diese Kategorie ab und besticht durch eine dramatische Grundstimmung und erinnert sehr an Karin's Fever Ray-Projekt.
Die waghalsigen Songs sind auch gleichzeitig die drei elektronischsten und schnellsten des Albums - die verrückte erste Single ,Full of Fire`, ,Networking` und das Duett ,Stay Out Here`. Alle drei Songs haben gemein, dass The Knife nie elektronischer und experimenteller geklungen haben. Besonders ,Full of Fire` liefert knapp 10 Minuten lang eine kontinuierliche Steigerung des Songaufbaus, obwohl der Grundbeat kurioserweise immer derselbe bleibt. Beim aufmerksamen Zuhören über Kopfhörer stellt sich ein fast paranoides und abgehetztes Gefühl im Kopf des Hörers ein und man weiß nicht recht, ob man das nun gut oder anstrengend finden soll. Ich persönlich bin nach wiederholtem Hören des Songs zu dem Entschluss gekommen, dass es eine verdammt starke und mutige erste Single und das perfekte Comeback für The Knife nach 7 Jahren war. ,Networking` parodiert gewissermaßen die Belanglosigkeit der heutigen Gepflogenheiten in der Geschäftswelt sowie das anonyme Verhalten durch elektronische Medien - im Song wird kein Satz gesungen, doch die abgehakten Laute, das seltsame Stöhnen und die hektischen Sounds verleiten einen zu dieser Erkenntnis. Oder es ist nichts von alledem und The Knife wollten sich einfach mal austoben.
Die letzte Kategorie beinhaltet die zwei kurzen Interludes ,Oryx` und ,Crake`, das fast 20-minütige Instrumentalstück (wie bereits oben beschrieben) sowie ,A Cherry on Top` und ,Fracking Fluid Injection`. Letzteres ist fast 10 Minuten langes Fiepsen, Stöhnen, Krächzen und dergleichen, was ich getrost von meiner Edition des Albums löschen werde. Auf der einen Seite kann ich The Knife's Intention nachvollziehen, doch ich finde man kann wirklich nicht jede Spielerei im Studio als Kunst verkaufen und dann erwarten, dass sich irgendein Gefühl - außer vielleicht Stress - bei dem Hörer einstellt. ,A Cherry on Top` ist insofern besser, da die asiatischen Klänge und Karin's düsterer Gesang zumindest für eine solide Grundstimmung für den größtenteils instrumentalen Teil des Liedes sorgen. Jedoch finde ich, dass diese 5 Lieder den Fluss" des Albums im Gesamten ein wenig stören und auch der Hauptgrund sind, warum ich Shaking The Habitual nicht die volle Punktzahl geben kann.
Abschließend bleibt zu sagen, dass ich das Album erst ein paar Mal gehört habe und davon überzeugt bin, dass sich meine Meinung über einzelne Lieder oder das Album im Gesamten früher oder später verändern wird. Wer also den Popeinheitsbrei satt hat und Musik hören möchte, die man verdauen und verstehen muss, damit sie ihn auf eine jahrelange - vielleicht sogar lebenslange - Reise begleitet, dem kann ich das Album wärmstens empfehlen und bin gespannt, wohin die Reise von The Knife geht.
Ach ja, und zu den Rezensionen, die das Album mit einem Stern bewerten und davon sprechen, dass keine einzige Melodie auf dem Album vertreten ist, bleibt zu sagen: Wenn man ein Album hört, das ,Shaking The Habitual` heißt, sollte jeder logisch denkende Mensch ein extremes, unkonventionelles Album erwarten, auf dem eben keine echten Popsongs vorhanden ist. Im Umkehrschluss bedeutet das aber nicht, dass die Songs nicht doch spannend, originell, verrückt oder einfach nur gut sind. Manche möchten genau das. Jedem das seine.