Der geschmackvolle Einband des 161 - seitigen Buches zeigt ein großes Wandgemälde, bei dem die Malerin Andrea Berthel - Duffing ein Bild Paolo Veroneses aus dem Jahre 1572 in einen Shakespeare Kosmos verwandelt hat. Während in der Mitte Elisabeth I. von England thront, sitzt rechts von ihr der Dramatiker. Sie werden umrahmt von Figuren aus Shakespeares Dramen: Hamlet, Othello, Desdemona, Romeo und Julia. So wie Alfred Hitchcock stets kurz in seinen Filmen zu sehen war, ist auf der linken Seite des von ihm beauftragten Wandgemäldes auch Dietrich Schwanitz mit seinem markanten Bart zu erkennen.
Mit einer der Figuren des Gemäldes befaßt sich das im Oktober 2006 posthum erschienene Büchlein, mit Shakespeares wohl berühmtester Tragödie ,Hamlet`. Es hat seine Vorgeschichte. Schwanitz, der im deutschsprachigen Raum 1999 mit seinem so witzigen wie lehrreichen Bestseller ,Bildung Alles, was man wissen muß` bekannt wurde, war bis 1997 Professor für englische Literatur an der Universität Hamburg. Da seit seiner frühesten Jugend William Shakespeares umfangreiches Werk im Mittelpunkt seiner literarischen, philologischen und philosophischen Interessen stand, begann er in den Jahren 2002/2003 mit einem einzigartigen Projekt. Er wollte für Erwachsene sämtliche Dramen Shakespeares nicht nur nacherzählen, sondern auch interpretieren und in ihren zahllosen Bezügen und Mehrdeutigkeiten darstellen.
Der Arbeitstitel des geplanten Werkes lautete ,Shakespeare und alles, was ihn für uns zum kulturellen Gedächtnis macht`. Da zu Shakespeares dramatischen Werken 7 Königsdramen, 10 Komödien, 10 Tragödien und 8 Problemkomödien gehören, läßt sich leicht erahnen, welch gewaltige Dimension das geplante Gesamtwerk angenom-men hätte. Vermutlich auch deswegen unterbrach Schwanitz die Arbeit am Shakespeare - Buch immer wieder, um sich in den Monaten vor seinem Tode im Dezember 2004 anderem zuzuwenden. Neben stark lückenhaften ersten Fassungen der Dramen ,König Lear`, ,Der Kaufmann von Venedig` und ,Der widerspenstigen Zähmung` liegt nur mit dem ,Hamlet` ein in sich geschlossenes Textstück vor. Da dieser Text vieles enthält, was Schwanitz über Shakespeare zu sagen hatte und er seiner Vorstellung einer Endfassung wohl am ehesten entsprach, beschränkten die Herausgeber den ursprünglichen Arbeitstitel auf den vorliegenden Buchtitel.
Schwanitz erklärt die historischen Bezüge dieses um 1600/1601 entstandenen Dramas, verdeutlicht die zahlreichen von Shakespeare durchaus beabsichtigten Ähnlichkeiten seiner Figuren mit Personen des damaligen Zeitgeschehens. So wird klar, daß die Anfangsszene der Wachablösung auf Schloß Helsingör als Synonym der anstehenden Ablösung der alternden Queen Elisabeth durch James von Schottland zu verstehen ist. Anhand näher erläuterter Passagen läßt der Autor den gesamten Bildungskosmos Shakespeares an der Schwelle vom 16. zum 17. Jahrhundert aufscheinen. Feinsinnig werden Unterscheidungen etwa bei der Erscheinung von (Luft-, Wasser-, Erd- und Feuer-) Geistern deutlich, wie sie eben nur in einer Zeit möglich waren, in der die arrivierte katholische Kirche mit den neuen Überzeugungen der Protestanten zu kämpfen hatte. Überhaupt wird der Text lebendig durch zahlreiche englische Originalzitate, aber auch eigene über die klassische Schlegel/Tieck- Übersetzung hinausgehende treffende Übersetzungen. Schwanitz lenkt den Blick auf Shakespeares Wortspiele wie etwa bei ,son` und ,sun`, wenn also das Wort für Sohn im Zusammenhang mit Königen mit dem gleichlautenden Wort für Sonne identifiziert wird. Oder er erläutert uns, wenn Hamlet Ophelia rät, ins Kloster zu gehen, daß ,nunnery` eben nicht nur Kloster, sondern umgangssprachlich auch Bordell bedeutet.
Am Ende wird dem Leser Hamlet, wie Schwanitz ihn charakterisiert hat, als melancholischer Hysteriker und selbstmörderischer Komödiant, als erster Intellektueller und Urbild eines romantischen Menschen, der sich mit ideologischen Fieberträumen und den Halluzinationen des Selbstzweifels herumschlägt, ans Herz gewachsen sein. Letztendlich fragt man sich beim Lesen der plausiblen Interpretationen und instruktiven Erklärungen subtiler Wortspiele und komplizierter Zusammenhänge unwillkürlich, wie man ohne Schwanitz dieses meistgespielte Theaterstück überhaupt verstehen kann. Zu bedauern bleibt das zu frühe Ableben des Autoren, der bei Vollendung seines ursprünglich geplanten Gesamtwerkes Shakespeare im deutschsprachigen Raum sicherlich noch populärer gemacht hätte.
Fazit: Wer sich dem Dichter aller Dichter und der Lektüre Hamlets, des weltberühmten Dramas um Königsmord und Vergeltungstat, zuwendet, sollte sich das Verständnis durch Schwanitz 161 - seitiges, in geschliffenem Stil geschriebenes, überzeugendes Erläuterungswerk erleichtern. Es lohnt sich. Den positiven Eindruck runden ein 8 - seitiges Vorwort des Autoren an den Leser, einige instruktive Stichworte zu Hamlet und ein 4 - seitiges Nachwort des Herausgebers ab. Obgleich nur Teil eines größeren (geplanten) Ganzen hat Dietrich Schwanitz uns mit seiner interpretierenden Nacherzählung des Hamlet Großes hinterlassen.