London, 1593: William Shakespeare (Joseph Fiennes) ist noch nicht der gefeierte Autor, der er einst sein wird. Seine letzten Stücke sind gefloppt und er leidet an Geldsorgen. Zudem hat Master Will "die Gabe eingebüsst". Heute würden man auf Gutenglisch sagen, er laborierte an writer's block. Da tritt die hübsche junge Adlige Viola De Lesseps (Gwyneth Paltrow) in einer Hosenrolle in des Dichters Leben. Sie wird die große Liebe, seine Muse, die in ihm die Verse von "Romeo und Julia" entstehen lässt. Soweit die von Regisseur John Madden gleichermaßen amüsant wie romantisch inszenierte Lovestory "Shakespeare In Love".
Historisch betrachtet hat Shakespeare "Romeo und Julia" erst 1599 auf die Bühne gebracht. Aber an diesem Zeitraffer soll es nicht scheitern. Denn sonst gibt der Film einen sehr anregenden Überblick über die Elisabethanische Ära, von der einige meinen, in ihr sei das Showbusiness entstanden. Er zeigt ein London, in dessen City die Theaterkunst als unmoralisch und verderbt gilt, in dessen Vorstädten allerdings die Schauspielerei dank der schützenden Hand der Königin floriert. Nördlich der Themse steht "The Curtain", südlich des Flusses "The Rose". Die eine Spielstätte wird vom berühmten Richard Burbage betrieben, die andere vom eher glücklosen Philip Henslowe. Der Film zeigt auch den Wettstreit der Lord Chamberlain's Men und der Admiral's Men, der wichtigsten Schauspieltruppen der Zeit. Shakespeare versorgt beide mit Stücken, für Hungerlohn. Noch reicht sein Ruf nicht an den von Christopher Marlowe heran. Doch der Stern des Schwans von Avon ist im Steigen - dank der weiblichen Muse! Witzige Idee am Rande: Romeo war nicht immer zu Julia entflammt. Anfangs war's die Piratentochter Ethel, dann Rosalinde und erst zum Schluss die holde Maid aus Verona.
Shakespeare-Liebhaber werden einige Insiderwitze erkennen: die Balkonszene oder wenn ein Puritanerprediger "beiden Häusern" die Pest wünscht. Gemeint sind die Theaterhäuser "Curtain" und "Rose". Selbigen Fluch stößt der sterbende Mercutio in "Romeo und Julia" über die Adelsfamilien der Capulet und Montague aus. Eine gelungene Anekdote, woher Shakespeare seine Ideen bezogen haben könnte.
Fiennes und Paltrow spielen mit viel Freude und Inbrunst. Obwohl man dem Regisseur die Frage stellen muss, welch wundersame Verwandlung Violas Haare durchmachen, wenn die Aktrice von der Hosenrolle in den Naturzustand schlüpft. Zuerst Kurzschnitt, dann Lockenpracht. Das deckt die beste Perücke nicht ab ;-)
Viele Nebenrollen sind spannend besetzt. Rupert Everett als cooler Christopher Marlowe, Geoffrey Rush als ängstlicher Impressario Henslowe oder Dame Judi Dench als schlagfertige Queen Elizabeth I. Britische Schauspielkunst vom Feinsten! Dennoch ist "Shakespeare In Love" eine Spur zu gefällig. Es gibt eine filmische Steigerung und die heißt "Stage Beauty". Am Besten beide Filme ansehen und Baz Luhrmanns "Romeo und Julia" gleich noch dazu.