Ich habe mich schwergetan mit dem Buch. Andre Wiesler, der in "Altes Eisen" so nah an die Menschen (auch Orks und Trolle sind Menschen, oder wenigstens Meta-Menschen) rangeht, bis man sie mit allen ihren Probleme, Schwäche und Eigenarten kennen lernt, bleibt hier ganz raus aus den Figuren. Am Anfang war ich wirklich darüber irritiert - es kam mir so vor, als hätte sich der Autor mit gefesselten Händen ins Wasser werfen lassen, um zu beweisen, dass er es trotzdem kann, selbst, wenn er einen Unsympath als Hauptcharakter und Träger der Perspektive wählt. Warm wurde ich mit Kyon bis zum Schluss nicht - die Figur bleibt flach, aber das ist Absicht. Ich denke, der Autor nimmt das Film-Noir Klischee von Shadowrun auf`s Korn, die harten Gestalten am Abgrund, die gar nicht mitbekommen, wie verkümmert sie innerlich sind. Die Perspektive ist durchgängig Kyon, und wenn ich mir auch mehr Humor gewünscht hätte (schmunzeln kann man über den Zynismus, aber Wiesler-untypisch sehr wenig lachen), so liefert Wiesler in einem anderen Bereich die volle Ladung. Der Plot, die Action-Szenen und die Stimmung sind sowohl hundertpriozentig Shadowrun und zeigen, daß der Autor Recherche und Planung nicht auf die leichte Schulter nimmt. Ein Run wie im Bilderbuch, mit allem, was dazu gehört, Verrat, überraschende Wendungen, und vor allem Tempo. Gute Ideen, saubere Umsetzung und feine Nebenfiguren, dazu ein Hauptcharakter, an dem man exemplarisch studieren kann, dass das "harte, trinkende, sich durch alle Betten schlafende Ex-Geheimdienstler"-Klischee einfach nichts mehr hergibt; es kommt deutlich durch, daß auch der Autor nicht wirklich mit ihm warmgeworden ist und sich schwergetan hat. Es zu versuchen, obwohl seine Stärken woanders liegen, und dabei zugleich eines der typischen SR-Klischees zu demaskieren, das ist eine reife Leistung.