Stimmt, der Roman scheidet die Geister wohl wirklich. Mir gefällt nun gerade, was andere abzuschrecken scheint: über den Perimeter der großen Sprawls hinauszuschauen, nicht ewig die gleichen Kleinkriege in den dunklen Gassen zu führen, wo mir Shamanen eher fehl am Platz erscheinen, allein deshalb, weil ihre Magie in all dem Asphalt, Beton und Teer versacken müsste.
Wo sonst sollten sie ihre Macht entfalten können, als dort, wo der Himmel auch zu sehen ist? Wenn einen der Adler leitet, besonders. Ist Voiata ein netter Mensch. Nö. Sind Adler nette Vögel? Sicher auch nicht. Selten habe ich eine so konsequente Darstellung schamanistischer Verbindung gesehen. Mensch wie Totem bestimmen den Körper und seine Reaktionen, beide nach ihrem eigenen Willen und Verständnis von der Welt und die müssen nicht immer übereinstimmen. Klasse. Ist Flechette eine nette Frau? Sie wäre es gern, aber die Umstände verlangen anderes. Ist Reynard ein netter Junge? Auf den Banketten seines Vater vielleicht, zumindest, bis er am Ende des Buches erwachsen ist. Nette Menschen sucht man also vergebens, aber nette Menschen würden in den Schatten auch nicht überleben. Deshalb, ja, ich mag sie, diese unnetten Figuren mit ihren Ecken und Kanten, und am meisten natürlich Voi, weil er ein Adler ist, und ein Schamane und ein Mensch, je nach dem und alles zusammen.
Wicherts Roman ist also eben nicht die normale Runnerkost, das ist wohl wahr, auch nicht stilistisch. Wer dicht an die Figuren geht, der muss eben die Grenzen sprengen. Insofern ist Alex Wichert also tatsächlich ein Runner, wagt was, das über bloße Hauptsatzkonstruktionen hinausgeht. Orientierungsschwierigkeiten hatte ich überhaupt nicht, im Gegenteil, die Sprache hat mich immer tiefer in den Text und seine Figuren gezogen.
Das ist sicher Geschmackssache, für mich wird das Buch genau deshalb spannend, weil es sich auf die Besonderheiten seiner Figuren auch sprachlich einlässt, weil Afghanistan in seiner Landschaft wie seinen Menschen lebendig wird, - und über den Roman hinaus jede Menge Anregungen für eigene Runs bietet, die natürlich andere Strategien verlangen als der 08/15 Run ins nächste Lagerhaus.
Mal ehrlich. Ich mag das wirklich, der kurze, knackige Run für den Grillabend. Ist wie Hack'n'Slay bei DSA, aber einmal im Jahr genügt völlig. Meine graue Zellen wollen den Rest der Zeit auch was zu tun, sind eigentlich ständig auf der Suche nach Neuem. Und da kommen mir Wicherts Ideen gerade recht. Sein dreckiges London, sein sonnendurchglühtes Afghanistan, seine Figuren, die in einer zerstörten Welt eben auch entprechend kaputt sind, das ist Shadowrun vom Feinsten für mich, und wenn's mich von den Sprawls weg ins Unbekannte lockt, umso besser.
Ich weiß: Curiosity kills the cat, but so what?