Für sein insgesamt drittes Soloalbum hat Kansas-Sänger Steve Walsh 2005 nicht mehr wie noch fünf Jahre zuvor auf „Glossolalia" mit Magellan-Mastermind Trent Gardner zusammengearbeitet. Das Ergebnis: „Shadowman" ist einfacher zugänglich und ein Stück weit eingängiger geworden, zugleich rockiger und wesentlich gitarrenlastiger. Außer Walsh, der selbst außer Gesang wie gewohnt Keyboards beisteuert, sind Joel Kosche (u.a. Collective Soul) mit Gitarren und Bass sowie Twisted Sister-Drummer Joe Franco, der schon Magellans „Hundred Year Flood"-Album mit seinem komplex abwechslungsreichen Spiel veredelt hat, mit im Boot.
Wie schon gesagt, härter als erwartet geht es auf „Shadowman" zur Sache. Bereits der schaurig mysteriös anmutende Opener RISE besticht durch einen Wechsel aus Rush-ähnlichen Gitarrenparts und solchen, die schon in Richtung Heavy Metal gehen. HELL IS FULL OF HEROES und KEEP ON KNOCKIN sind ultrastraighte, astreine Hardrock-Nummern mit massiver Gitarrenpower, letztere würde sogar Fans von Status Quo oder ZZ Top erweichen. Zur Abkühlung gibt es mit THE RIVER eine Gospel-angehauchte Ballade und mit PAGES OF OLD einen von leichter Percussion und Akustikgitarre begleiteten, seicht schwelgenden und nachdenklichen Song in Led Zeppelin-Atmosphäre.
Aus dem durchweg vorzüglichen Songmaterial stechen drei Kompositionen hervor. Der Titelsong SHADOWMAN ist ein weiterer Beweis für die grandiose Rhythmussektion mit tollem Groove, abwechslungsreicher Percussion und ausgetüftelten, rhythmisch aktiven Gitarren und geht mit einem atmosphärisch dichten Chorus aus E- und Akustikgitarren mächtig unter die Haut. DAVEY AND THE STONE THAT ROLLED AWAY ist ein meisterhafter Beweis für Steve Walshs Fähigkeiten in Sachen Songwriting mit grandiosen Melodien und bietet nicht zuletzt die beeindruckendste Gesangsleistung Walshs, dessen erhabene, emotionale, unverwechselbare Stimme heute wie früher zum Besten zählt, was es im Bereich Rock gibt, heute mit deutlich wärmerer Färbung als zu den Klassiker-Zeiten mit Kansas. AFTER bietet als einziger Longtrack einen epischen Höhepunkt des Albums, zu dem Michael Romeo (Gitarren bei Symphony X) die Orchestration und David Ragsdale (vertrat in den 80ern Robbie Steinhardt bei Kansas) die Violine beisteuert: Zahlreiche spannende Wechsel, viele Breaks und ergreifende Atmosphären von verklärt mysteriös bis zu monumental brachial.
„Shadowman", das sind 49 äußerst hörenswerte Minuten, bestehend aus einer sehr unterhaltsamen Mischung aus Classic Rock und Extravaganz, die sich aus ausgefallenen Breaks, einem Hauch von Prog und häufigen aber wohldosierten Keyboards und Effekten zusammensetzt, welche selbst den straighten Rocknummern des Albums zu ganz eigenständigem und unverwechselbarem Flair in fesselnder Atmosphäre verhelfen. Steve Walsh schafft es als Solokünstler, sich jedweder Kategorisierung zu entziehen und macht auch „Shadowman" zu einem Album, das jeder (Prog-)Metal- und Rockfan einmal antesten sollte. Nicht zuletzt auch wegen Walshs unkonventionellen Lyrics, mit denen er ganz unverblümt aus dem Bauch raus spricht. Die Thematik ist düster, von der Selbstzerstörungskraft der Menschheit und deren Ignoranz, Lügen und vorgetäuschten Realitäten. Die Art und Weise, wie er das ausdrückt, reicht aber von mahnend über nachdenklich bis hin zu sarkastisch und verbirgt einiges an Tiefgang, sei es mit der Keule oder zwischen den Zeilen.