Das 1939 von den beiden deutsch-jüdischen Immigranten Alfred Lion und Frank (Francis) Wolf gegründete Jazzlabel Blue Note Records hat über Jahrzehnte hinweg in Klang und Design den Begriff der Moderne wesentlich geprägt; ein Album wie "Shades Of Blue", auf dem ein mit beachtlicher Reputation ausgestatteter HipHop-Produzent Klassiker von Donald Byrd bis Bobby Hutcherson aus dem Labelkatalog neu interpretiert, dürfte deshalb prinzipiell keine Überraschung darstellen. Trotzdem geht dem einen oder anderen Jazzfreund, selbst dem HipHop nicht abgeneigten, eine so konsequente Modernisierung alter Werte zu weit; im Online-Forum von Blue Note liest man Kommentare wie "Ich kann nicht glauben, das Blue Note so etwas erlaubt...", "...das klingt uninspiriert und planlos..." und "Man sollte gegen solchen Mist Gesetze erlassen...". Obwohl natürlich Lob und Applaus für dieses außergewöhnliche Projekt überwiegen, den Stein des teilweise mit Kränkung quittierten Anstoßes rollt der West-Coast-HipHopper Otis Jackson Jr. durchs heilige Land der blauen Noten, besser bekannt als MADLIB sowie unter zahlreichen weiteren Pseudonymen, die bis hin zur komplett virtuellen Ein-Mann-Band YESTERDAYS NEW QUINTET reichen, mit der er auch schon Songs des Soul-Übervaters Stevie Wonder umpflügte. Jackson Jr. will mit "Shades Of Blue" nicht nur einen phantasievoll agierenden Rückgriff auf eine Jazzkultur wagen, die u.a. den HipHop-Sound so maßgeblich beeinflusst hat sondern auch seine eigene Vision von Jazzmusik als spiritueller Heimathafen der musikalischen Kreativität zelebrieren. Dass er dabei keinen einfachen und glatten Weg geht, sich die Freiheit sowohl für Abstraktionen als auch für Opulenz nimmt und mit dieser Volte wieder einmal seinem Ruf als unkonventioneller Musikbesessener gerecht wird, zeugt im Ergebnis alles andere als von Planlosigkeit oder gar mangelnder Inspiration. Im Gegenteil, der Sohn des 70er-Jahre-Soulsängers Otis Jackson Sr. hat die Musikalität nicht nur in die Wiege gelegt bekommen sondern gehört zu den Wenigen in der Musikwelt, die der Aufgabe, den Sound eines der bedeutendsten Jazzlabels der Welt neu zu interpretieren, überhaupt gerecht werden können. Egal, ob sich MADLIB via Sample an die Originale tastet (wie bei Bobbi Humphreys wunderschönem "Please Set Me At Ease" und Donald Byrds Groove-Hymne "Stepping Into Tomorrow", bei der er die Background-Vocals nach vorn mischt) oder ob er die Vorlagen gleich komplett in seinem Trademark-Sound neu einspielt (u.a. Wayne Shorters "Footprints" und Herbie Hancocks "Dolphin Dance") - die überbordende Leidenschaft, mit der er dies tut sowie seine charmant-verrückte Art im Umgang mit Rhythmus und Takt entladen sich ein ums andere Mal in knisternden und vor Freigeist strotzenden Tracks, die vom ehrwürdigen Blue-Note-Geist durch und durch erfüllt sind. So bastelt er u.a. aus Bobby Hutchersons "Montara" eine wie auf Wellen schaukelnde, märchenhafte Barkarole, entkernt Ronnie Fosters "Mystic Brew" zum perkussiven Funk-Minimalismus und funktioniert Horace Silvers "Song For My Father" zu einer knarzenden Soul-Hommage an den eigenen Papa um. Gepaart mit einer MADLIBschen Eigenkomposition ("Funky Blue Note"), feiern hier außer den schon genannten Künstlern noch Gene Harris, Reuben Wilson und Andrew Hill ihre Unsterblichkeit auf potenten Beatstrukturen und spricht Blue-Note-Gründer Alfred Lion post mortem aus dem Off wie ein Vater zu seinen Söhnen - wenn das nicht generationsübergreifender Zauber ist, was dann?! Ich persönlich halte es bei "Shades Of Blue" mit einem begeisterten Fan aus Vancouver, dessen Worte im Online-Forum mir aus dem Herzen sprechen: "Keep Up The Real Shit MADLIB!". (Sven Selle / urban culture / FR online)