Die große, zeitgenössische Literatin Joyce Carol Oates schreibt seit ihrem 14. Lebensjahr. Allerdings dauerte es ein halbes Jahrhundert, bis sie ihr erstes Jugendbuch schrieb. "Sexy" ist ihr drittes, den Tonfall der heutigen Jugend sehr präzise treffendes Buch, ohne dabei erwachsen anbiedernd zu wirken. Aus der Perspektive von Darren Flynn, ein sehr gut aussehender, sportlicher und beliebter Junge, der die 11. Klasse einer unbedeutenden Highschool im kleinstädtischen Amerika besucht, wird diese Geschichte erzählt. Dieser Junge ist so lebendig beschrieben, dass er, stellvertretend für viele Jungs in der Orientierungsphase der Pubertät, plastisch vor unser lesendes Auge tritt: Etwas schüchtern, etwas verunsichert, ein durchschnittlicher Schüler mit "Potenzial", freundlich - ein guter Junge, der seinen Weg erst noch finden muss.
Darren, Objekt so mancher Begierden, gerät in einen schweren Gewissenskonflikt, als seine Sportkumpels wegen - aus ihrer Sicht - zu anspruchsvollem Unterricht und daraus resultierenden schlechten Noten den engagierten Englischlehrer Mr. Tracy denunzieren. Mit dessen Homosexualität kommen sie ohnehin nicht klar. Ein böser Teufelskreis aus Verleugnung und Lügen beginnt, übersteigt sehr schnell das Niveau eines dummen Schülerstreichs und endet mit der totalen Vernichtung des Lehrers.
Mr. Tracy versucht sich zunächst zu wehren und zählt dabei auch auf Darren, dem er einmal sehr sacht zu nahe getreten ist und anschließend alles versuchte, das wieder gut zu machen. Der Junge kann damit schlecht umgehen. Die komplexe Psyche seines Lehrers und das widersprüchliche Verhalten der Erwachsenen in seiner Umgebung versteht er nicht und will auch nichts damit zu tun haben. Seine eigenen Teenagerprobleme reichen ihm völlig. Jeder will etwas von ihm, jeder zerrt an ihm - sollen sie ihn doch endlich in Ruhe lassen! Per Mail treffen immer dringlichere Hilferufe seines Lehrers ein, die er panisch in den Mülleimer verfrachtet. Darren will in diese böse Geschichte nicht verwickelt werden. Er will seinen Namen nicht im Zusammenhang mit Homosexualität genannt wissen. Schließlich muss er an den Ruf seiner Familie denken und außerdem - seine Freunde verrät man doch nicht - oder?
Oates erzählt einfach und dennoch auf gewohnt hohem Niveau über einen Akt der Selbstfindung, des Erwachsenwerdens. Keine Stellung zu beziehen, ist auch eine Art, Stellung zu beziehen. Das wird Darren im Lauf der Geschichte klar. Man kann es im Leben nicht jedem recht machen. Man muss für seine Überzeugungen einstehen, auch dann, wenn es ungemütlich wird und es ordentlich etwas auf die Nase gibt. Erwachsen sein bedeutet aber auch ungeahnte Freiheiten und viele Möglichkeiten, spannendes Neuland zu betreten.
Ein sehr lesenswertes Buch für Jugendliche und Erwachsene. Der schnörkellose, klare Stil der Amerikanerin macht es auch gut für Jungs lesbar, die nicht bereit sind, sich erst einmal viele Seiten in die komplexe Handlung eines Buches einzuarbeiten.
Helga Kurz